Mein Versuch, die Araber zu verstehen Die autobiografische Geschichte eines Journalistenlebens im Orient: Ulrich Kienzle, langjähriger ARD-Nahostkorrespondent und ZDF-Auslandschef, spannt einen Bogen über 40 Jahre Nahostkonflikt. Er vermittelt einen ebenso fesselnden wie persönlichen Einblick in die arabische Welt und erklärt den "Arabischen Frühling" aus der Entwicklung der Konflikte im Nahen Osten heraus. Gleichzeitig beschreibt er seinen Alltag als Kriegsreporter: erschütternde und berührende Erlebnisse, Zeugnisse faszinierender Mediengeschichte.
Herr Kienzle, in diesem Jahr haben Sie Ihren 75. Geburtstag gefeiert. Jetzt ist Ihr neues Buch erschienen und nach nur vier Wochen bereits bei der 3. Auflage und in die Spiegel-Bestseller-Liste vorgedrungen. Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?
Ulrich Kienzle: Das freut mich natürlich, weil damit Aufklärung über den leider nach wie vor unbekannten Orient verbunden ist. Bis heute verstellen Klischees einen realistischen Blick auf die arabische Welt. "Abschied von 1001 Nacht" heißt: Abschied zu nehmen von eben diesen Klischees. Spätestens nach den arabischen Rebellionen wurde deutlich, dass ein anderes Arabien auf der Weltbühne erscheint.
Ein Kritiker bezeichnet Ihr Buch als "ein Geschichtsbuch, das sich wie ein Abenteuerroman liest". Wie würden Sie Ihr Buch beschreiben - eine Biographie?
Ulrich Kienzle: Das Buch ist eine sehr persönliche Beschreibung der Schwierigkeiten, die komplizierte arabische Welt zu verstehen. Jedes arabische Land hat seine Eigenheiten und seine eigenen Probleme. In meinem Buch versuche ich deutlich zu machen: es gibt keine einfachen Erklärungen. Beispiel Libanon: ein Land mit 17 Religionen, die sich die Macht teilen. Und darüber immer wieder in Streit geraten.
Der Araber als Terrorist und Islamist gilt für viele im Westen als Feindbild. In Ihrem Buch beschreiben Sie die Menschen im Orient ungemein liebevoll und differenziert. Den Araber gibt es nicht, schreiben sie?
Ulrich Kienzle: Es gibt nicht den Islam und nicht die Araber, wie die Islamkritiker immer wieder leichtfertig behaupten. Die Revolution in Libyen verlief völlig anders als die Aufstände in Ägypten. Der Islam vereint mindestens so viele Glaubensrichtungen wie das Christentum. Gefährliche arabische Terroristen und hysterische Islamkritiker im Westen schaukeln sich auf gefährliche Weise gegenseitig hoch.
Sie beschreiben die Konflikte im Nahen Osten der letzten 50 Jahre aus eigener Sicht und machen so den "Arabischen Frühling" verstehbar. Worin unterschieden sich diese jüngsten Rebellionen von den alten Konflikten?
Ulrich Kienzle: Bislang hat der palästinensisch-israelische Konflikt die Tagesordnung bestimmt. Jetzt sind plötzlich junge Menschen in der arabischen Welt aufgetaucht, die keiner im Westen auf der Rechnung hatte: sie wollen ankommen im 21.Jahrhundert und kämpfen nicht für den Gottes-staat, sondern rufen nach Arbeitsplätzen und Demokratie. Und trotz aller Enttäuschungen und Rückschläge wird diese Demokratie-bewegung die arabische Welt verändern. Immerhin sind bislang drei Diktatoren gestürzt worden. Übrigens: auch in Europa hat es über ein Jahrhundert gedauert bis sich nach der französischen Revolution die Demokratie in Europa durchgesetzt hat.
Ihr Buch ist auch ein spannendes Stück Mediengeschichte. Wie erleben Sie die Medien heute? Welche Rolle haben diese in den arabischen Aufständen gespielt?
Ulrich Kienzle: Das Internet hat eine wichtige, aber nicht die entscheidende Rolle beim "Arabischen Frühling" gespielt. Wichtiger aber war die Wut der Menschen über die 30-jährige Diktatur Mubaraks. Und dennoch: die Medien spielen vor allem in der arabischen Welt eine völlig neue Rolle. Die Medien haben den Orient mehr verändert als Polizei und Panzer. Das Mini-Emirat Kathar hat mit seinem Satellitensender Al-Jazeera einen wichtigen Anteil an der sogenannten "Arabellion". Aber die Ereignisse bestätigen vor allem den Satz Victor Hugos: "Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist!" "Kienzle hat nicht nur ein Buch über die arabische Welt geschrieben, sondern auch eines über das deutsche Fernsehen, das man so noch nicht kannte. Es sind Berichte aus einer irren politischen Kampfzone der Öffentlich-Rechtlichen, wo man Anfang der Siebzigerjahre nicht nur als 68-bewegter Journalist schnell mal zu einem Korrespondentenjob sehr weit weg kommen konnte [...] Sein Buch ist trotz praller Anekdoten kein Veteranenpalaver, vielmehr unternimmt es, mit Karten und Zeittafeln versehen, den Versuch, die Kompliziertheit der Länder zu erklären, deren neueste Umstürze man generalisierend Arabischer Frühling nannte." Claudia Tieschky, Süddeutsche Zeitung
"Dieses Buch ist anders: Hier werden nicht die Ereignisse der letzten sechs Monate aus persönlicher Sicht wiederholt. Sondern der Autor liefert auch die spannende Vorgeschichte zu den so überraschenden Umbrüchen in der arabischen Welt: Die Brotunruhen in Ägypten 1977, die niedergeschlagen wurden, doch im kollektiven Gedächtnis weiterlebten. Oder die Anfangszeit des libyschen Herrschers Gaddafis, als der sozialrevolutionäre Charismatiker von seinem Volk für die Modernisierung des Landes gefeiert wurde. Der zweite Strang des Buches, die Schilderung der Anfangsjahre des deutschen Auslandsjournalismus und dessen Entwicklung, machen dieses Buch zu einem Ereignis." Andrea Nüsse, Der Tagesspiegel, Berlin
"Es ist das große Verdienst dieses Buches, politische Entwicklungen durch die Beschreibungen gesellschaftlicher Merkmale im Nahen Osten greifbar zu machen. Der "Arabische Frühling" lässt sich deutlich besser verstehen und einordnen, wenn Ulrich Kienzles Buch gelesen ist." Jörg Biallas, Das Parlament, Berlin
"Es ist ein Buch zur Zeit, das Kienzle [...] da verfasst hat. Die dritte Auflage binnen drei Wochen, und das bei einem Sachbuch, das sich wie ein Abenteuerbuch liest. Es sind nicht zuletzt die kleinen Details, die entzücken, auch wenn sie wohl bei nicht wenigen im Land für Momente der Irritation sorgen." Christian Ruf, Dresdner Neueste Nachrichten "Noch Fragen, Kienzle?" Diese Frage seines Partners Bodo Hauser im ZDF-Magazin "Frontal" machte aus dem Top-Journalisten eine Medienlegende.
Ulrich Kienzle begann seine TV-Karriere in Stuttgart. Er war Leiter der SDR-"Abendschau", später des "Weltspiegel". Er berichtete für die ARD aus dem Nahen Osten und war von 1980 bis 1990 Fernsehchefredakteur bei Radio Bremen. Bis 1993 leitete er die ZDF-Hauptredaktion Außenpolitik und moderierte das ZDF-"auslandsjournal".
Als einer der ersten westlichen Journalisten interviewte er Anfang der 1970er Jahre den damals jungen Rebellen Muammar al-Gaddafi, und als letzter westlicher Journalist den irakischen Diktator Saddam Hussein. Gemeinsam mit Peter Scholl-Latour steht er der deutsch-arabischen Gesellschaft vor und ist dem Nahen Osten bis heute eng verbunden. 1 Mit dem Taxi in den Krieg 2 Der Staat ist in Gefahr 3 Auf dem Vulkan 4 Der Rebell, der aus der Wüste kam 5 Die Republik der Mafiosi 6 Die unheimliche Leichtigkeit des Tötens 7 Familienclan mit Flagge 8 Waffenstillstand auf Libanesisch 9 Der Dieb von Bagdad 10 Selbstmord mit Champagner und Kaviar 11 Die Stadt der aufgehenden Hände 12 Aufstand gegen den Pharao 13 Blutiger Sommer 14 Als Märtyrer ins Paradies 15 Mit Dollars und Dischdascha 16 Abschied von 1001 Nacht Übrigens...Navigare necesse est Bildnachweise Chroniken
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