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Kaltstart

von Marcus Hammerschmitt,

Verlag: beam-Bibliothek



Als ich die Stimme Gottes das erste mal hörte, war ich zehn oder elf. Ich wurde buchstäblich vor einen brennenden Dornbusch gezerrt, aus dem der Weltgeist nur so hervorröhrte, aber alles, was ich hörte, war das Röhren selbst, und die Worte machten keinen Sinn. Den Vermittler, um nicht zu sagen den Gottesluden, machte mein Schulfreund Frieder Noll, der ein armes Kind mit einer hysterischen Mutter, einer noch hysterischeren Großmutter und ganz ohne Vater war, was, zusammengenommen, vielleicht die totale Abwesenheit von Vernunft im Affenstall seiner Kindheit erklärt.

Es ist dann auch nichts aus ihm geworden. Das letzte Mal als ich ihn traf, saß er auf seinem neuen Motorrad, den Helm locker unter dem rechten Arm, und erklärte mir, er habe sich freiwillig für 12 Jahre “beim Bund verpflichtet”. So kann es kommen, wenn man in einer trüben, schlecht geheizten Wohnung in einem gottverlassenen saarländischen Nest aufgewachsen ist, das für die Bedrängten und Beladenen keinerlei Trost bereithielt.

Frieder Noll hatte eine kleine Sitzbank mit rotem Kunsthoffbezug. Man konnte den Sitz hochklappen, und darunter tat sich ein beträchtlicher Stauraum auf, den er bis an den Rand mit Schokolade, Bonbons und Süßigkeiten gefüllt hatte. Die arme Sau durfte das Zeug auf Geheiß von Mutter und Großmutter nie anlangen, so dass die schokoladigen Schätze in der kalten Sitzbankhöhle schon ganz grau geworden waren. Ich weiß das, weil er mir den Krempel an diesem bestimmten Tag gezeigt hat. Er bot mir sogar davon an, was ihm offensichtlich für diese spezielle Gelegenheit von den beiden Hausdrachen erlaubt worden war, aber angesichts des Erhaltungszustands der Ware lehnte ich dankend ab. Der Blick, mit dem Frieder Noll die Sitzbankklappe wieder über dem vergeblichen Reichtum schloss, vergisst sich nicht so leicht.

Vielleicht waren es neurotische Verklemmungen wie diese, die ihn schon in frühen Jahren dazu brachten, sich mit abseitigen Dingen zu beschäftigen. Wir waren zehn oder elf, wie gesagt, eigentlich hätten wir draußen herumspringen und Fußball spielen sollen, aber es regnete, und wir beide hassten Sport, egal in welcher Form. Ich habe vergessen zu erwähnen, dass unsere Freundschaft auf einem gemeinsamen schweren Schicksal beruhte. Waren wir doch beide zu früh eingeschult worden, und hatten wir doch beide in der Grundschule darüber hinaus noch eine Klasse übersprungen, so dass wir von da ab immer die beiden Jüngsten waren, wohin wir auch kamen. Von der Umwelt wurden wir so lange als ganz natürliche Alliierte betrachtet, bis wir dem Sozialdruck schließlich nachgaben, und die Erwartungen mit einer echten, wenn auch manchmal fragilen Freundschaft erfüllten.

Aber an diesem Tag war nichts los mit uns. Wir waren beide bedrückt, als Frieder die Sitzbank wieder zugeklappt hatte, und der Gesprächsstoff ging uns ein bisschen aus. Schließlich hellte sich Frieders Gesicht auf, und er verkündete: “Ich zeig dir jetzt was.” Dann lief er aus dem Zimmer und rief nach seiner Mutter. Eine Minute später kam er zurück. Das Licht in seinen Augen war immer noch da, die Verhandlungen mit seiner Mutter waren wohl erfolgreich gewesen. “Ich zeig dir jetzt meinen Computer.” 

Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff “Computer” damals schon zu meinem Wortschatz gehörte, ich vermute eher nicht. Wir sprechen hier vom Jahr 1978, und das avancierteste technische Gerät, das ich bis dahin je gesehen hatte, war der neue Kassettenrecorder meines Bruders, der mich zwar faszinierte, aber den mein Bruder sorgfältiger hütete als seinen Augapfel, und den ich nicht einmal anfassen, geschweige denn genauer überprüfen durfte. Ich hatte im Jahr vorher mehrfach versucht, Uhren, kaputte Radios und alte Mehrfachsteckdosen auseinander zunehmen und wieder zusammenzusetzen. Das Aufschrauben ging fix, die Umkehrung gelang nie. Vielleicht war mein Bruder durch diese Aktionen gewarnt, und ihm schwante Böses, wenn ich dem Gerät zu nahe kam.

Auf jeden Fall war ich auf den “Computer” von Frieder Noll nicht vorbereitet, die Stimme Gottes traf mich völlig unerwartet an. Verblüfft von der eigenartigen Erregung, mit der er agierte, beobachtete ich Frieder dabei, wie er mehrere Kisten von seinem Kinderzimmerschrank herunterholte und sie vorsichtig auf dem Fußboden ablegte. Dass es um Technik ging, sah man an den Aufdrucken der Schachteln. Ich weiß nicht, was ich erwartete. Vielleicht dachte ich, es handele sich in Wirklichkeit um ein neues Mikroskop oder eine neue Carrera-Rennbahn. Carrera-Rennbahnen standen damals sehr hoch im Kurs, und damit hätte er mich wirklich beeindrucken können. Oder ich war vielleicht ein bisschen hochnäsig nach diesem Erlebnis mit der grauen Schokolade, und dachte: “Was bringt er jetzt wieder für einen Scheiß an.”

Frieder bastelte. So sah es jedenfalls aus. Er entnahm den drei Kartons drei Kisten, eine große schwarze, die unverständlicherweise wie eine Schreibmaschinentastatur aussah, eine kleinere schwarze, die entfernt an den Kassettenrecorder meines Bruders erinnerte, und eine ganz kleine schwarze, die Frieder in die Steckdose an der Wand steckte. Er verband das Arrangement mit Kabeln untereinander, drückte einen Schalter an dem größten schwarzen Kasten, und sah mich an, als habe er gerade Amerika entdeckt.

Ich konnte mir absolut keinen Reim darauf machen, und hatte ein leicht flaues Gefühl im Magen, so als sollte ich betrogen oder grob veralbert werden, und müsste nur genau genug hinsehen, dann würde ich den Trick schon erkennen. Es war leicht düster im Zimmer, der Abend brach herein, und Frieder saß auf dem abgewetzten Teppichboden über seinen Gerätschaften und wartete auf einen Kommentar. Ich wollte ja nicht direkt unhöflich sein, und auch nicht völlig blöde wirken, aber mir fiel nichts anderes ein, außer:

“Was ist das?”


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