eBooks zum sofort Download


Hilfe     Newsletter    AGB    Impressum         Suche:   

Specials
Neue eBooks
Lesesoftware
Gratis eBooks
WebBooks
Gutschein kaufen

eBooks Belletristik
Romane & Erzählungen
Krimi & Thriller
Science-Fiction & Fantasy
Biographien
Erotik
Abenteuer
Horror & Grusel
Humor & Satire
Kinder & Jugendbuch
Märchen & Sagen
Romantik
Theater & Lyrik

eBooks Sachbuch
Computer & Technik
Lexika & Nachschlagen
Wirtschaft & Business
Naturwissenschaften
Reise
Film & Medien
Immobilien
Ingenieurswissenschaften
Bildbände
Medizin
Essen & Trinken
Umwelt & Umwelttechnik
Beruf & Karriere
Mathematik & Statistik
Gesellschaft
Philosophie
Literaturwissenschaft neu
Politik
Geschichte neu
Psychologie
Pädagogik
Ratgeber
Natur
Recht
Religion
Sport
Diverses

eBooks aufs iPhone

So funktioniert es
Info
Newsletter
eBooks Toolbar
eBook Journal
eBook Forum
RSS
Partnerprogramm
Impressum

Folgen Sie uns bei
ebook magazin und viele ebooks

 Leseprobe

Zurück zum Buch

Die letzte Fahrt der Enora Time

von Andreas Gruber,

Verlag: beam-Bibliothek



Die letzte Fahrt der Enora Time

»Bordbuch der Enora Time: Captain Clair K. Marlies. 11. August 2751, 07.24 Uhr Bordzeit.
   Unsere Mission ist gescheitert. Wir kennen weder unsere derzeitige Position noch den Grund, weshalb so vieles schief gelaufen ist. Der Krieg gegen die Dracon tobt weiterhin in der Galaxis. Ohne uns! In welchem Raumquadranten auch immer wir uns zur Zeit befinden, in der Nähe des feindlichen Stützpunktes sind wir jedenfalls nicht. Ich versuche, die Ereignisse der letzten beiden Tage zu rekonstruieren. Vielleicht sehe ich danach die Zusammenhänge klarer.«
   Captain Clair K. Marlies verstummte, automatisch stoppte die Aufzeichnung des Bordbuchs. Clair verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. Ihre Beine waren überkreuzt, ihre Stiefel ruhten auf der Konsole der Küchennische, und auf ihrem Schoß lag eine Akte. Sie schloss die Augen und lauschte dem Klicken an ihrem Kehlkopf. Das Interface des Bordbuchs tickte, als hätte das altersschwache Gerät Schwierigkeiten, die Daten auf das Netz zu laden. Clair wusste, dass bei der Ausrüstung für diese Mission an allen Ecken und Enden gespart worden war, weil die Kosten selbst die schlimmsten Befürchtungen übertroffen hatten. Doch jetzt war es zu spät für ihre Reue, schließlich hatte sie die Rahmenbedingungen dieser Mission von Anfang an gekannt.
   Ihre Hände vibrierten, die Augenlider zuckten überanstrengt, ein kalter Schauer raste ihr durch die Glieder. Sie spürte den Schmerz in der Schulter und die Verspannung der Wirbelsäule. So ist das also, wenn man alt wird, dachte sie. Außerdem rächte sich der Schlafentzug der letzten Tage. Sie seufzte und rieb sich die Augen - jetzt war ohnehin nicht an Schlaf zu denken, das Bordbuch würde sich nicht von selbst ergänzen.
   »09. August 2751, 10.40 Uhr Bordzeit«, diktierte sie. »In der vierten Woche unserer Fahrt koppelt JOSEPH die Ice-Tanks der Crew vom Versorgungssystem ab und lässt anstelle des Routineprogramms die Alarmreanimation anlaufen. Wir erwachen aus unserer Tiefschlafphase, binnen Sekunden werden unsere Körper auf 36,9 Grad Celsius erwärmt und mit Elektroschock reanimiert. Zu diesem Zeitpunkt kenne ich den Grund für die Alarmreanimation noch nicht und sehe auch keinen Anlass dafür. An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass diese Art der Wiederbelebung ein hohes Risiko für das menschliche Herz- und Kreislaufsystem darstellt und entsprechend den Sicherheitsvorschriften der interstellaren Raumfahrt von 2649 nur bei einem Notfall der Kategorie Acht angewendet werden darf. Die Bilanz sieht dementsprechend aus: Clondayle liegt im Koma, Svensons linke Körperhälfte ist gelähmt, Reeves leidet unter psychogener Amnesie und zeigt die typischen Symptome eines postreanimalen Raumfiebers. Wir müssen die drei Crewmitglieder sofort auf die Krankenstation bringen. Doc Travis vermag nicht mehr zu tun, als sie ruhig zu stellen und ihre Lebensfunktionen durch die Ambucam überwachen zu lassen.
   Das Zwölfte Bataillon wird nicht reanimiert, die Soldaten liegen auf dem C-Deck in ihren Ice-Tanks. Ich sehe keinen Grund, die schlafenden Hunde des Krieges zu wecken. Der Gedanke beruhigt mich, dass sie bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff tiefgefroren sind. Der Rest der Crew findet sich nach der Gesundheitsuntersuchung auf der Brücke ein: Ecco, Henning, Doc Travis, Commander Bajt und Lieutenant Ferguson. Wir fahren die Systeme hoch und lassen für alle Stationen die Checks der Klarschiffmeldung durchlaufen. Lieutenant Liv Ferguson bemerkt als erste, dass die Sternenkonstellation nicht stimmen kann. Ein Blick in das Bordbuch bestätigt ihren Verdacht. JOSEPH hat uns um acht Wochen zu früh aus den Ice-Tanks geholt! Den Grund kennen wir nicht!
   09. August 2751, 14.30 Uhr Bordzeit. Die Enora Time ist zu fünfundsiebzig Prozent einsatzfähig. Die Waffensysteme bleiben inaktiv, sie zu bedienen ist nicht meine Aufgabe. JOSEPH deaktiviert den Autopiloten, und ich übernehme das Kommando. Bisher habe ich den Clausewitz-Antrieb nur im Simulator kennen gelernt und bin von der Wendigkeit des Kreuzers überrascht. Das Schiff spricht gut an, es reagiert auf die manuelle Steuerung ohne das typische Trudeln. Nach einigen kurzen Testmanövern bin ich davon überzeugt, dass nach dem endgültigen Ausreifen des Prototyps die Time-Generation alle anderen Kampfschiffe ablösen wird. Wir müssen abwarten, ob uns diese Neuerung den entscheidenden Vorteil im Krieg gegen die Dracon bringen kann.
   09. August 2751, 18.15 Uhr Bordzeit. Nachdem auch die Waffenchecks positiv beendet sind, übernimmt JOSEPH wieder die Steuerung. Lieutenant Ferguson bittet mich auf das Navigationsdeck, wo sie die automatischen Aufzeichnungen des Bordbuchs bestätigt. Demnach haben wir erst ein Drittel der geplanten Distanz zurückgelegt, was nicht unplausibel erscheint, da wir acht Wochen zu früh aus den Ice-Tanks reanimiert wurden. Allerdings zeigt sie mir unsere derzeitige Position auf den Karten: von unseren Zielkoordinaten sind wir 137 Lichtjahre entfernt, viel weiter als vor unserem Start. Wir bewegen uns in die falsche Richtung, hinein in einen vollkommen fremden Raumsektor - warum hat JOSEPH keine Kursabweichung gemeldet? Nach seinen Angaben liegt die Enora Time bis auf eine Abweichung von zwei Raummeilen auf Kurs. Aber auf welchem Kurs? Ich bitte Lieutenant Ferguson, das Gespräch als vertraulich einzustufen, denn solange wir unsere neue Destination nicht herausgefunden haben, möchte ich die Crew nicht darüber informieren. Eigentlich sollte unsere Mission in feindliches Kampfgebiet führen, an den Rand des Sternennebels der Sphinx. Ein Grund mehr, mich mit JOSEPH zu unterhalten.
   Eine Stunde später: Beim Abendessen in der Messe informiere ich Commander Bajt über unsere Situation. Gemeinsam besuchen wir JOSEPH in der Kommandokapsel. Die Maschine verweigert uns jedoch den Zugriff auf die Datenbanken. Sie begründet ihre Entscheidung damit, dass sie darauf programmiert sei, Daten der Sicherheitsstufe Blau nur an Personen mit autorisiertem Zugriff weiterzuleiten. In den Bordfiles der Maschine sind Commander Bajt und ich jedoch nicht für Code Blau eingestuft. Dabei muss es sich um einen Irrtum handeln, denn unsere Mission ist öffentlich bekannt und vom Ausschuss der Galaktisch-Territorialen Streitkräfte autorisiert worden. Somit gibt es an Bord der Enora Time nur eine Person der Sicherheitsstufe Blau: Captain Vincent Harding, den Oberbefehlshaber des Zwölften Bataillons. Soviel ich weiß, wurde er für diese Mission auf Grund seiner zahlreichen Auszeichnungen im galaktischen Krieg vom Ausschuss ausgewählt. Doch er liegt noch tiefgefroren im Ice-Tank.
   09. August 2751, 20.15 Uhr Bordzeit. Auf meinen Befehl hin lässt Doc Travis die verminderte Alarmreanimation für Captain Harding anlaufen. Bereits eine Stunde später trifft dieser auf der Brücke ein. Wir sind verblüfft, wie rasch und problemlos er die Reanimation überstanden hat. Doch noch bevor wir mit ihm ein Gespräch führen können, erreicht uns über Bordfunk Lieutenant Fergusons Meldung auf der Brücke: mit unverminderter Fahrt tritt die Enora Time soeben in die Planetenkonstellation des Senec-Doppelsternsystems ein. Allerdings weicht der Kurs geringfügig von den errechneten Plandaten ab, als brächte ein Kraftfeld die mathematischen Gesetze durcheinander. Lieutenant Ferguson treibt uns zur Eile; wir haben nicht viel Zeit, das Problem zu lösen: Ein Programmfehler steht dabei nicht zur Diskussion, wie sie uns mitteilt. Sie kann die Zusammenhänge nur vermuten. Möglicherweise befindet sich die Enora Time im Anziehungskegel eines Kraftfeldes, welches so gigantisch ist, dass es Licht- und Radiostrahlen absorbiert. Deshalb kann es von unserem Radar nicht erfasst werden. In den Karten ist jedoch kein Schwarzes Loch verzeichnet. Sekunden später, nachdem wir den Bericht zu Ende gehört haben, ist es für eine Kurskorrektur bereits zu spät.
   09. August 2751, 21.35 Uhr Bordzeit. In einer engen Schleife versuchen wir die Enora Time aus dem Sog des Kegels herauszumanövrieren, doch selbst der Clausewitz-Antrieb kann das Schiff nicht auf Kurs halten. Die Schiffsaußenhülle kracht, die Verbände knirschen. Auf der Brücke hört es sich an, als würden Meteore die Legierung durchschlagen. Das Radar und zwei Generatorenblöcke des Haupttriebwerks fallen aus. Nur noch wenige Sekunden bis zum Eintritt in den Ereignishorizont. Ich gebe Alarm für alle Stationen an Bord. Automatisch laufen sämtliche medizinischen und technischen Vorbereitungen für den Eintritt an. Den Crewmitgliedern bleibt kaum genügend Zeit, ihre Plätze auf der Brücke einzunehmen.
   Zehn Minuten später: Die Systeme fallen aus, Kabelbrand züngelt durch das Cockpit. In den Eingeweiden der Enora Time tobt es, als wollte das Schiff jeden Augenblick auseinanderbrechen. Die Beschleunigung presst uns wie Marionetten in die Sitze. Ich bemerke noch, wie Doc Travis und Commander Bajt die Augen verdrehen und bewusstlos in den Gurten hin und her geschleudert werden. Mein Blick begegnet dem Captain Hardings – er starrt fasziniert durch die Blende des Cockpits, als wisse er, was um uns herum vorgeht. Dann werde auch ich ohnmächtig.«
   Clair verstummte und massierte ihre Schläfen; sie spürte noch immer die Schwellung auf der Stirn. Ähnlich dem Kraftfeld, war auch ihr Gedächtnis wie ein Schwarzes Loch, das keine weiteren Erinnerungen an die Oberfläche lassen wollte. Wie konnten sie dem Sog entkommen? Was geschah unmittelbar nach dem Austritt? Sie wurde nicht nur alt, sondern auch vergesslich. Sie kaute an den Fingernägeln. Welche Details hatte sie vergessen? Dann dachte sie wieder an das Kraftfeld. Wohin war es nach ihrem Austritt verschwunden?
   Ein Stich im Oberschenkel ließ sie hochfahren. Ihr linkes Bein war eingeschlafen. Sie quälte sich aus dem Sitz, humpelte zur Konsole und drückte einen Pappbecher aus der Röhre. Wasserdampf löste das schwarze Pulver auf, und Sekunden später verbreitete sich in der Kabine der Geruch frischen Kaffees. Sie zog den Becher mit den Fingerspitzen aus der Konsole, nippte daran, steckte sich eine Zigarette an und verzog das Gesicht. Der synthetische Geschmack klebte an ihrem Gaumen wie eine Plastikfolie. Clair versuchte, sich auf den gestrigen Tag zu konzentrieren.
   »10. August 2751, 10.15 Uhr Bordzeit«, diktierte sie. »Ecco und Henning überleben den Austritt nicht. Der Druck zerquetscht ihre inneren Organe wie einen nassen Schwamm. Ich habe so etwas noch nie gesehen! Der Anblick ist schrecklich! Wir bringen die beiden Leichname zu den Ice-Tanks. Dort frieren wir sie ein. Commander Bajt beginnt mit den Arbeiten am Versorgungssystem. Clondayle liegt nach wie vor im Koma, und Reeves leidet immer noch an postreanimalem Raumfieber. Svensons Zustand verschlechtert sich, die Lähmung geht auf seine rechte Körperhälfte über. Entgegen Doc Travis´ Meinung entscheide ich mich dafür, Svenson nicht im Ice-Tank zu deanimieren, sondern ihn bei Bewusstsein zu lassen. Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich dafür die Verantwortung übernehme. Ich hoffe, dass sich der Zustand von Reeves und Svenson verbessert, im Moment wird jedes Crewmitglied benötigt.«
   Clair blickte zu den Systemanzeigen in der Kabine, danach auf die Uhr.
   »11. August 2751, 08.05 Uhr Bordzeit. JOSEPH hat soeben seinen Systemcheck beendet: die lebenserhaltenden Systeme der Enora Time sind zu neunundzwanzig Prozent ausgefallen. Doc Travis, Commander Bajt und Lieutenant Ferguson sind seit vierundzwanzig Stunden mit den wichtigsten Reparaturarbeiten beschäftigt. Captain Harding sehe ich kaum. Gelegentlich begegnen wir uns auf der Brücke, wo er meist mit einem Kaffeebecher an der geöffneten Blende steht und stumm ins All starrt. JOSEPH steuert die Enora Time durch unbekanntes Gebiet. Unsere exakte Position konnten wir noch nicht bestimmen. Lieutenant Ferguson bat mich im Bordbuch zu vermerken, dass sie in der Messe das Verschwinden von Lebensmitteln bemerkt hat.
   Ende der Bordbucheintragung. Clair K. Marlies, Captain der Enora Time, Verband der Galaktisch-Territorialen Streitkräfte.«

2.

Clair schaltete das Interface des Bordbuchs an ihrem Kehlkopf aus. Offiziell gab es zu den Ereignissen nichts mehr zu sagen. Sie ertappte sich dabei, wie sie mit den Fingern auf der Akte trommelte. »Captain Harding« stand auf dem Deckel. Wollte man seine Karriere und seinen krankhaften Hunger nach Macht in Worte fassen, müsste das Dossier einige Tausend Seiten dick sein. Doch für diesen Mann war die Akte viel zu dünn und verriet gerade deshalb mehr, als sie eigentlich verbergen sollte.
   Clair sah auf und ließ ihren Blick über die Anzeige neben dem Bordfunk wandern. In etwa zwanzig Minuten würde sie Commander Bajt auf der Brücke ablösen müssen. Aus der Brusttasche der Uniform zog sie ein in Kunststoff gebundenes Tagebuch, das sie seit Jahren bei sich trug. Doch bis auf ein lustlos hingekritzeltes Ich... auf der ersten Seite war es leer geblieben. Sie schlug das Buch auf und begann mit dem Laserstift dort weiterzuschreiben, wo sie vor fünf Jahren aufgehört hatte.
   »... habe das Gefühl ...« Sie setzte den Stift ab und starrte auf die Worte. Ja, welches nur? Zögernd schrieb sie weiter, dann wurden ihre Worte flüssiger. »... dass wir von Anfang an belogen wurden. Es hieß, wir würden eine Mission übernehmen, deren Erfolgschancen verschwindend gering wären. Verschwindend gering ... und dennoch sind wir hier! Ich habe keine Ahnung, warum sich die Mitglieder meiner alten Crew auf diesen Flug einließen. Bajt und Travis hätten nicht mitmachen müssen, wir hätten andere gefunden, die so verrückt gewesen wären, sich uns anzuschließen. Selbst hinter Fergusons Fassade blicke ich nicht. Hat sie die Tragödie in ihrer Familie doch nicht überwunden? Zumindest hatten die drei auf unserem letzten Flug nicht den Eindruck gemacht, als hätten sie nichts mehr zu verlieren. Weiß der Teufel, warum sie sich ausgerechnet für dieses Kommando gemeldet haben.«
   Clair hielt inne, dachte nach, klopfte mit dem Laserstift gegen ihre Zähne. Dann schrieb sie weiter: »Der Rest der Crew besteht aus Freiwilligen, denen ich erst beim Training auf Camp Daytena begegnet bin. Ecco und Henning schienen nette Burschen zu sein und hätten sich gut in die Crew eingelebt, doch die Zeit war zu knapp, und ich hatte keine Möglichkeit, die beiden näher kennen zu lernen. Ich weiß nicht einmal, ob Angehörige auf sie zu Hause warten. In den Akten steht nichts darüber. Von den anderen weiß ich nur, sie sind genauso verrückt wie wir. Wer sonst würde sich dorthin wagen, wo der kalte Sternenhimmel vielleicht das Letzte ist, was man in diesem Leben zu sehen bekommt? Wir dachten, wir würden als Helden zurückkehren, wenn wir das Zwölfte Bataillon vor dem ersten Stützpunkt der Dracon absetzten. Reingehen, die Flanken der Außenposten zerstören, die Reaktoren des Stützpunkts bombardieren, die Soldaten im Feindgebiet platzieren und nach fünfzig Minuten die Truppen wieder auflesen und abhauen, haben sie uns auf Camp Daytena eingedrillt. Reingehen – Zuschlagen – Abhauen! Wie ein Einsatz aus dem Militärhandbuch! Nicht zu lange im Feindgebiet manövrieren! Der Einsatz hätte höchstens drei Stunden dauern sollen. Am Rande des Sternennebels der Sphinx hätten wir ohnehin wie eine Kerze auf der Geburtstagstorte geleuchtet. Die Simulatoren der Militärs hatten berechnet, dass nicht viele der Soldaten von dem Einsatz zurückkehren würden.
   Statt dessen sind wir woanders hingeflogen, von einem Kraftfeld eingesogen und ausgespuckt worden und treiben jetzt irgendwo durch das All. Die Ice-Tanks haben den Austritt gut überstanden, und die 40.000 Soldaten der Galaktisch-Territorialen Streitkräfte schlafen, einzig und allein Captain Harding leistet uns auf der Brücke Gesellschaft. Er spricht nicht viel, sondern beobachtet nur. Er und JOSEPH scheinen die Einzigen zu sein, welche die Hintergründe kennen. Warum wurde der Kurs der Enora Time geändert? JOSEPH lässt uns nicht an seine Datenbank, und Harding ist alles andere als kooperativ. Er wollte nicht einmal wissen, weshalb man ihn aus dem Ice-Tank geholt hat. Ich habe mein Gespräch mit ihm schon zu lange hinausgezögert. Bajt meint, Harding würde nur eine Gelegenheit abwarten, um das Kommando des Schiffs an sich zu reißen. Ich muss auf der Hut sein.«
   Clair klappte das Tagebuch zu und ließ es wieder in der Brusttasche verschwinden. Ihre Gedanken niederzuschreiben hatte nicht wirklich geholfen. Sie trank den Kaffee aus, warf den Becher samt der Zigarettenkippe in den Mülltank und stand auf.
   »Gott ...«, murrte sie, als sie vor dem Spiegel der Duschkoje stand und die Falten unter den Augen glatt strich. Ihre Wangenknochen standen hervor, und dunkle Ringe unter den Augen zeugten von zu wenig Schlaf. Früher war sie hübsch gewesen, zumindest hatte sie das oft zu hören bekommen. Doch heute ... Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende. Sie wandte den Blick ab und streifte das Freundschaftsband vom Handgelenk, das sie vor langer Zeit einmal auf dem Kopfkissen gefunden hatte. Ein Geschenk, es erinnerte sie an zu Hause, an eine Wohnung mit vielen hellen Zimmern, an Nachbarn, die oft zu Besuch gewesen waren, aber auch an Abschied, Tränen und vor allem an ihre Tochter. Mit flinken Fingern band sie ihre Mähne zu einem Knäuel zusammen; die ersten grauen Strähnen im blonden Haar, die ihr in die Stirn fielen, ließ sie rasch hinter dem Ohr verschwinden. Dann stopfte sie die blaue Uniformbluse in den Hosenbund und zog den Gürtel enger. Vom Regal über dem Spiegel nahm sie ein volles 30-Projektile-Magazin, klickte es in die Kammer ihrer DeGamak, wartete, bis der Sensor rot blinkte, schob die Waffe in das Holster und verließ die Kabine.
   Auf dem Weg zur Brücke spielte sie in Gedanken mehrere Varianten durch, wie sie Harding dazu bringen konnte, mit offenen Karten zu spielen.
   »Captain, was ich Sie schon immer fragen wollte ...«, murmelte sie und versuchte dabei ein spitzbübisches Lächeln. Missmutig schüttelte sie den Kopf. Mit weiblichem Charme war bei Harding nicht viel zu erreichen, eher mit unverhohlener Autorität: »Captain Harding! Ich erwarte Sie in fünf Minuten zu einer Einsatzbesprechung in der Messe!«
   Doch würde sie die Nerven besitzen, so mit dem Militär zu sprechen? Zwar hatte Harding den gleichen Rang wie sie, doch solange sie nicht im Feindgebiet manövrierten und keinen Einsatz flogen, war sie der Captain an Bord. Ob Harding das respektierte? Sie konnte ihn kaum einschätzen, doch musste sie es jetzt endlich hinter sich bringen, mit welcher Variante auch immer. Das Katz-und-Maus-Spiel hatte schon zu lange gedauert.
   Ein Geräusch riss sie aus den Gedanken, von weitem hörte sie aufgebrachte Stimmen durch den Korridor hallen. Sie lief den Gang hinunter, die Tür glitt mit einem elektronischen Surren auf, und sie betrat die Brücke. Schlagartig verstummte der Lärm. Sämtliche Varianten hatten sich erübrigt. Captain Harding stand zwischen den Pilotensitzen und richtete den Lauf einer entsicherten Selmac7 auf Doc Travis und Commander Bajt.


Zurück zum Buch


ebook magazin und viele books
Kundenbereich
Kundenbewertungen von beam-ebooks.de
Top eBooks

eBook Requiem

Requiem

eBook Fridolin Äppelpei

Fridolin Äppelpei

eBook Rabenwelt

Rabenwelt

eBook Takeover

Takeover

eBook Die letzte Hexe - Maria Anna Schwegelin

Die letzte Hexe - Maria Anna Schwegelin