Die letzte Fahrt der Enora Time
»Bordbuch der Enora Time: Captain Clair K. Marlies. 11. August 2751,
07.24 Uhr Bordzeit. Unsere Mission ist gescheitert. Wir
kennen weder unsere derzeitige Position noch den Grund, weshalb so vieles schief
gelaufen ist. Der Krieg gegen die Dracon tobt weiterhin in der Galaxis. Ohne
uns! In welchem Raumquadranten auch immer wir uns zur Zeit befinden, in der Nähe
des feindlichen Stützpunktes sind wir jedenfalls nicht. Ich versuche, die
Ereignisse der letzten beiden Tage zu rekonstruieren. Vielleicht sehe ich danach
die Zusammenhänge klarer.« Captain Clair K. Marlies
verstummte, automatisch stoppte die Aufzeichnung des Bordbuchs. Clair
verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. Ihre Beine waren
überkreuzt, ihre Stiefel ruhten auf der Konsole der Küchennische, und auf ihrem
Schoß lag eine Akte. Sie schloss die Augen und lauschte dem Klicken an ihrem
Kehlkopf. Das Interface des Bordbuchs tickte, als hätte das altersschwache Gerät
Schwierigkeiten, die Daten auf das Netz zu laden. Clair wusste, dass bei der
Ausrüstung für diese Mission an allen Ecken und Enden gespart worden war, weil
die Kosten selbst die schlimmsten Befürchtungen übertroffen hatten. Doch jetzt
war es zu spät für ihre Reue, schließlich hatte sie die Rahmenbedingungen dieser
Mission von Anfang an gekannt. Ihre Hände vibrierten, die
Augenlider zuckten überanstrengt, ein kalter Schauer raste ihr durch die
Glieder. Sie spürte den Schmerz in der Schulter und die Verspannung der
Wirbelsäule. So ist das also, wenn man alt wird, dachte sie. Außerdem rächte
sich der Schlafentzug der letzten Tage. Sie seufzte und rieb sich die Augen -
jetzt war ohnehin nicht an Schlaf zu denken, das Bordbuch würde sich nicht von
selbst ergänzen. »09. August 2751, 10.40 Uhr Bordzeit«,
diktierte sie. »In der vierten Woche unserer Fahrt koppelt JOSEPH die Ice-Tanks
der Crew vom Versorgungssystem ab und lässt anstelle des Routineprogramms die
Alarmreanimation anlaufen. Wir erwachen aus unserer Tiefschlafphase, binnen
Sekunden werden unsere Körper auf 36,9 Grad Celsius erwärmt und mit
Elektroschock reanimiert. Zu diesem Zeitpunkt kenne ich den Grund für die
Alarmreanimation noch nicht und sehe auch keinen Anlass dafür. An dieser Stelle
möchte ich festhalten, dass diese Art der Wiederbelebung ein hohes Risiko für
das menschliche Herz- und Kreislaufsystem darstellt und entsprechend den
Sicherheitsvorschriften der interstellaren Raumfahrt von 2649 nur bei einem
Notfall der Kategorie Acht angewendet werden darf. Die Bilanz sieht
dementsprechend aus: Clondayle liegt im Koma, Svensons linke Körperhälfte ist
gelähmt, Reeves leidet unter psychogener Amnesie und zeigt die typischen
Symptome eines postreanimalen Raumfiebers. Wir müssen die drei Crewmitglieder
sofort auf die Krankenstation bringen. Doc Travis vermag nicht mehr zu tun, als
sie ruhig zu stellen und ihre Lebensfunktionen durch die Ambucam
überwachen zu lassen. Das Zwölfte Bataillon wird nicht
reanimiert, die Soldaten liegen auf dem C-Deck in ihren Ice-Tanks. Ich sehe
keinen Grund, die schlafenden Hunde des Krieges zu wecken. Der Gedanke beruhigt
mich, dass sie bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff
tiefgefroren sind. Der Rest der Crew findet sich nach der
Gesundheitsuntersuchung auf der Brücke ein: Ecco, Henning, Doc Travis, Commander
Bajt und Lieutenant Ferguson. Wir fahren die Systeme hoch und lassen für alle
Stationen die Checks der Klarschiffmeldung durchlaufen. Lieutenant Liv Ferguson
bemerkt als erste, dass die Sternenkonstellation nicht stimmen kann. Ein Blick
in das Bordbuch bestätigt ihren Verdacht. JOSEPH hat uns um acht Wochen zu früh
aus den Ice-Tanks geholt! Den Grund kennen wir nicht! 09.
August 2751, 14.30 Uhr Bordzeit. Die Enora Time ist zu fünfundsiebzig
Prozent einsatzfähig. Die Waffensysteme bleiben inaktiv, sie zu bedienen ist
nicht meine Aufgabe. JOSEPH deaktiviert den Autopiloten, und ich übernehme das
Kommando. Bisher habe ich den Clausewitz-Antrieb nur im Simulator kennen gelernt
und bin von der Wendigkeit des Kreuzers überrascht. Das Schiff spricht gut an,
es reagiert auf die manuelle Steuerung ohne das typische Trudeln. Nach einigen
kurzen Testmanövern bin ich davon überzeugt, dass nach dem endgültigen Ausreifen
des Prototyps die Time-Generation alle anderen Kampfschiffe ablösen wird. Wir
müssen abwarten, ob uns diese Neuerung den entscheidenden Vorteil im Krieg gegen
die Dracon bringen kann. 09. August 2751, 18.15 Uhr
Bordzeit. Nachdem auch die Waffenchecks positiv beendet sind, übernimmt JOSEPH
wieder die Steuerung. Lieutenant Ferguson bittet mich auf das Navigationsdeck,
wo sie die automatischen Aufzeichnungen des Bordbuchs bestätigt. Demnach haben
wir erst ein Drittel der geplanten Distanz zurückgelegt, was nicht unplausibel
erscheint, da wir acht Wochen zu früh aus den Ice-Tanks reanimiert wurden.
Allerdings zeigt sie mir unsere derzeitige Position auf den Karten: von unseren
Zielkoordinaten sind wir 137 Lichtjahre entfernt, viel weiter als vor
unserem Start. Wir bewegen uns in die falsche Richtung, hinein in einen
vollkommen fremden Raumsektor - warum hat JOSEPH keine Kursabweichung gemeldet?
Nach seinen Angaben liegt die Enora Time bis auf eine Abweichung von
zwei Raummeilen auf Kurs. Aber auf welchem Kurs? Ich bitte Lieutenant
Ferguson, das Gespräch als vertraulich einzustufen, denn solange wir unsere neue
Destination nicht herausgefunden haben, möchte ich die Crew nicht darüber
informieren. Eigentlich sollte unsere Mission in feindliches Kampfgebiet führen,
an den Rand des Sternennebels der Sphinx. Ein Grund mehr, mich mit JOSEPH zu
unterhalten. Eine Stunde später: Beim Abendessen in der
Messe informiere ich Commander Bajt über unsere Situation. Gemeinsam besuchen
wir JOSEPH in der Kommandokapsel. Die Maschine verweigert uns jedoch den Zugriff
auf die Datenbanken. Sie begründet ihre Entscheidung damit, dass sie darauf
programmiert sei, Daten der Sicherheitsstufe Blau nur an Personen mit
autorisiertem Zugriff weiterzuleiten. In den Bordfiles der Maschine sind
Commander Bajt und ich jedoch nicht für Code Blau eingestuft. Dabei muss es sich
um einen Irrtum handeln, denn unsere Mission ist öffentlich bekannt und vom
Ausschuss der Galaktisch-Territorialen Streitkräfte autorisiert worden. Somit
gibt es an Bord der Enora Time nur eine Person der Sicherheitsstufe
Blau: Captain Vincent Harding, den Oberbefehlshaber des Zwölften Bataillons.
Soviel ich weiß, wurde er für diese Mission auf Grund seiner zahlreichen
Auszeichnungen im galaktischen Krieg vom Ausschuss ausgewählt. Doch er liegt
noch tiefgefroren im Ice-Tank. 09. August 2751, 20.15 Uhr
Bordzeit. Auf meinen Befehl hin lässt Doc Travis die verminderte
Alarmreanimation für Captain Harding anlaufen. Bereits eine Stunde später trifft
dieser auf der Brücke ein. Wir sind verblüfft, wie rasch und problemlos er die
Reanimation überstanden hat. Doch noch bevor wir mit ihm ein Gespräch führen
können, erreicht uns über Bordfunk Lieutenant Fergusons Meldung auf der Brücke:
mit unverminderter Fahrt tritt die Enora Time soeben in die
Planetenkonstellation des Senec-Doppelsternsystems ein. Allerdings weicht der
Kurs geringfügig von den errechneten Plandaten ab, als brächte ein Kraftfeld die
mathematischen Gesetze durcheinander. Lieutenant Ferguson treibt uns zur Eile;
wir haben nicht viel Zeit, das Problem zu lösen: Ein Programmfehler steht dabei
nicht zur Diskussion, wie sie uns mitteilt. Sie kann die Zusammenhänge nur
vermuten. Möglicherweise befindet sich die Enora Time im
Anziehungskegel eines Kraftfeldes, welches so gigantisch ist, dass es Licht- und
Radiostrahlen absorbiert. Deshalb kann es von unserem Radar nicht erfasst
werden. In den Karten ist jedoch kein Schwarzes Loch verzeichnet. Sekunden
später, nachdem wir den Bericht zu Ende gehört haben, ist es für eine
Kurskorrektur bereits zu spät. 09. August 2751, 21.35 Uhr
Bordzeit. In einer engen Schleife versuchen wir die Enora Time aus dem
Sog des Kegels herauszumanövrieren, doch selbst der Clausewitz-Antrieb kann das
Schiff nicht auf Kurs halten. Die Schiffsaußenhülle kracht, die Verbände
knirschen. Auf der Brücke hört es sich an, als würden Meteore die Legierung
durchschlagen. Das Radar und zwei Generatorenblöcke des Haupttriebwerks fallen
aus. Nur noch wenige Sekunden bis zum Eintritt in den Ereignishorizont. Ich gebe
Alarm für alle Stationen an Bord. Automatisch laufen sämtliche medizinischen und
technischen Vorbereitungen für den Eintritt an. Den Crewmitgliedern bleibt kaum
genügend Zeit, ihre Plätze auf der Brücke einzunehmen. Zehn
Minuten später: Die Systeme fallen aus, Kabelbrand züngelt durch das Cockpit. In
den Eingeweiden der Enora Time tobt es, als wollte das Schiff jeden
Augenblick auseinanderbrechen. Die Beschleunigung presst uns wie Marionetten in
die Sitze. Ich bemerke noch, wie Doc Travis und Commander Bajt die Augen
verdrehen und bewusstlos in den Gurten hin und her geschleudert werden. Mein
Blick begegnet dem Captain Hardings – er starrt fasziniert durch die Blende des
Cockpits, als wisse er, was um uns herum vorgeht. Dann werde auch ich
ohnmächtig.« Clair verstummte und massierte ihre Schläfen;
sie spürte noch immer die Schwellung auf der Stirn. Ähnlich dem Kraftfeld, war
auch ihr Gedächtnis wie ein Schwarzes Loch, das keine weiteren Erinnerungen an
die Oberfläche lassen wollte. Wie konnten sie dem Sog entkommen? Was geschah
unmittelbar nach dem Austritt? Sie wurde nicht nur alt, sondern auch
vergesslich. Sie kaute an den Fingernägeln. Welche Details hatte sie vergessen?
Dann dachte sie wieder an das Kraftfeld. Wohin war es nach ihrem Austritt
verschwunden? Ein Stich im Oberschenkel ließ sie
hochfahren. Ihr linkes Bein war eingeschlafen. Sie quälte sich aus dem Sitz,
humpelte zur Konsole und drückte einen Pappbecher aus der Röhre. Wasserdampf
löste das schwarze Pulver auf, und Sekunden später verbreitete sich in der
Kabine der Geruch frischen Kaffees. Sie zog den Becher mit den Fingerspitzen aus
der Konsole, nippte daran, steckte sich eine Zigarette an und verzog das
Gesicht. Der synthetische Geschmack klebte an ihrem Gaumen wie eine
Plastikfolie. Clair versuchte, sich auf den gestrigen Tag zu
konzentrieren. »10. August 2751, 10.15 Uhr Bordzeit«,
diktierte sie. »Ecco und Henning überleben den Austritt nicht. Der Druck
zerquetscht ihre inneren Organe wie einen nassen Schwamm. Ich habe so etwas noch
nie gesehen! Der Anblick ist schrecklich! Wir bringen die beiden Leichname zu
den Ice-Tanks. Dort frieren wir sie ein. Commander Bajt beginnt mit den Arbeiten
am Versorgungssystem. Clondayle liegt nach wie vor im Koma, und Reeves leidet
immer noch an postreanimalem Raumfieber. Svensons Zustand verschlechtert sich,
die Lähmung geht auf seine rechte Körperhälfte über. Entgegen Doc Travis´
Meinung entscheide ich mich dafür, Svenson nicht im Ice-Tank zu deanimieren,
sondern ihn bei Bewusstsein zu lassen. Ich möchte an dieser Stelle festhalten,
dass ich dafür die Verantwortung übernehme. Ich hoffe, dass sich der Zustand von
Reeves und Svenson verbessert, im Moment wird jedes Crewmitglied
benötigt.« Clair blickte zu den Systemanzeigen in der
Kabine, danach auf die Uhr. »11. August 2751, 08.05 Uhr
Bordzeit. JOSEPH hat soeben seinen Systemcheck beendet: die lebenserhaltenden
Systeme der Enora Time sind zu neunundzwanzig Prozent ausgefallen. Doc
Travis, Commander Bajt und Lieutenant Ferguson sind seit vierundzwanzig Stunden
mit den wichtigsten Reparaturarbeiten beschäftigt. Captain Harding sehe ich
kaum. Gelegentlich begegnen wir uns auf der Brücke, wo er meist mit einem
Kaffeebecher an der geöffneten Blende steht und stumm ins All starrt. JOSEPH
steuert die Enora Time durch unbekanntes Gebiet. Unsere exakte Position
konnten wir noch nicht bestimmen. Lieutenant Ferguson bat mich im Bordbuch zu
vermerken, dass sie in der Messe das Verschwinden von Lebensmitteln bemerkt
hat. Ende der Bordbucheintragung. Clair K. Marlies, Captain
der Enora Time, Verband der Galaktisch-Territorialen Streitkräfte.«
2.
Clair schaltete das Interface des Bordbuchs an ihrem Kehlkopf aus. Offiziell
gab es zu den Ereignissen nichts mehr zu sagen. Sie ertappte sich dabei, wie sie
mit den Fingern auf der Akte trommelte. »Captain Harding« stand auf dem
Deckel. Wollte man seine Karriere und seinen krankhaften Hunger nach Macht in
Worte fassen, müsste das Dossier einige Tausend Seiten dick sein. Doch für
diesen Mann war die Akte viel zu dünn und verriet gerade deshalb mehr, als sie
eigentlich verbergen sollte. Clair sah auf und ließ ihren
Blick über die Anzeige neben dem Bordfunk wandern. In etwa zwanzig Minuten würde
sie Commander Bajt auf der Brücke ablösen müssen. Aus der Brusttasche der
Uniform zog sie ein in Kunststoff gebundenes Tagebuch, das sie seit Jahren bei
sich trug. Doch bis auf ein lustlos hingekritzeltes Ich... auf der
ersten Seite war es leer geblieben. Sie schlug das Buch auf und begann mit dem
Laserstift dort weiterzuschreiben, wo sie vor fünf Jahren aufgehört hatte.
»... habe das Gefühl ...« Sie setzte den Stift ab und
starrte auf die Worte. Ja, welches nur? Zögernd schrieb sie weiter, dann wurden
ihre Worte flüssiger. »... dass wir von Anfang an belogen wurden. Es hieß, wir
würden eine Mission übernehmen, deren Erfolgschancen verschwindend gering wären.
Verschwindend gering ... und dennoch sind wir hier! Ich habe keine
Ahnung, warum sich die Mitglieder meiner alten Crew auf diesen Flug einließen.
Bajt und Travis hätten nicht mitmachen müssen, wir hätten andere gefunden, die
so verrückt gewesen wären, sich uns anzuschließen. Selbst hinter Fergusons
Fassade blicke ich nicht. Hat sie die Tragödie in ihrer Familie doch nicht
überwunden? Zumindest hatten die drei auf unserem letzten Flug nicht den
Eindruck gemacht, als hätten sie nichts mehr zu verlieren. Weiß der Teufel,
warum sie sich ausgerechnet für dieses Kommando gemeldet
haben.« Clair hielt inne, dachte nach, klopfte mit dem
Laserstift gegen ihre Zähne. Dann schrieb sie weiter: »Der Rest der Crew besteht
aus Freiwilligen, denen ich erst beim Training auf Camp Daytena begegnet bin.
Ecco und Henning schienen nette Burschen zu sein und hätten sich gut in die Crew
eingelebt, doch die Zeit war zu knapp, und ich hatte keine Möglichkeit, die
beiden näher kennen zu lernen. Ich weiß nicht einmal, ob Angehörige auf sie zu
Hause warten. In den Akten steht nichts darüber. Von den anderen weiß ich nur,
sie sind genauso verrückt wie wir. Wer sonst würde sich dorthin wagen, wo der
kalte Sternenhimmel vielleicht das Letzte ist, was man in diesem Leben zu sehen
bekommt? Wir dachten, wir würden als Helden zurückkehren, wenn wir das Zwölfte
Bataillon vor dem ersten Stützpunkt der Dracon absetzten. Reingehen, die Flanken
der Außenposten zerstören, die Reaktoren des Stützpunkts bombardieren, die
Soldaten im Feindgebiet platzieren und nach fünfzig Minuten die Truppen wieder
auflesen und abhauen, haben sie uns auf Camp Daytena eingedrillt. Reingehen –
Zuschlagen – Abhauen! Wie ein Einsatz aus dem Militärhandbuch! Nicht zu lange im
Feindgebiet manövrieren! Der Einsatz hätte höchstens drei Stunden dauern sollen.
Am Rande des Sternennebels der Sphinx hätten wir ohnehin wie eine Kerze auf der
Geburtstagstorte geleuchtet. Die Simulatoren der Militärs hatten berechnet, dass
nicht viele der Soldaten von dem Einsatz zurückkehren
würden. Statt dessen sind wir woanders hingeflogen, von
einem Kraftfeld eingesogen und ausgespuckt worden und treiben jetzt irgendwo
durch das All. Die Ice-Tanks haben den Austritt gut überstanden, und die 40.000
Soldaten der Galaktisch-Territorialen Streitkräfte schlafen, einzig und allein
Captain Harding leistet uns auf der Brücke Gesellschaft. Er spricht nicht viel,
sondern beobachtet nur. Er und JOSEPH scheinen die Einzigen zu sein, welche die
Hintergründe kennen. Warum wurde der Kurs der Enora Time geändert?
JOSEPH lässt uns nicht an seine Datenbank, und Harding ist alles andere als
kooperativ. Er wollte nicht einmal wissen, weshalb man ihn aus dem Ice-Tank
geholt hat. Ich habe mein Gespräch mit ihm schon zu lange hinausgezögert. Bajt
meint, Harding würde nur eine Gelegenheit abwarten, um das Kommando des Schiffs
an sich zu reißen. Ich muss auf der Hut sein.« Clair
klappte das Tagebuch zu und ließ es wieder in der Brusttasche verschwinden. Ihre
Gedanken niederzuschreiben hatte nicht wirklich geholfen. Sie trank den Kaffee
aus, warf den Becher samt der Zigarettenkippe in den Mülltank und stand
auf. »Gott ...«, murrte sie, als sie vor dem Spiegel der
Duschkoje stand und die Falten unter den Augen glatt strich. Ihre Wangenknochen
standen hervor, und dunkle Ringe unter den Augen zeugten von zu wenig Schlaf.
Früher war sie hübsch gewesen, zumindest hatte sie das oft zu hören bekommen.
Doch heute ... Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende. Sie wandte den
Blick ab und streifte das Freundschaftsband vom Handgelenk, das sie vor langer
Zeit einmal auf dem Kopfkissen gefunden hatte. Ein Geschenk, es erinnerte sie an
zu Hause, an eine Wohnung mit vielen hellen Zimmern, an Nachbarn, die oft zu
Besuch gewesen waren, aber auch an Abschied, Tränen und vor allem an ihre
Tochter. Mit flinken Fingern band sie ihre Mähne zu einem Knäuel zusammen; die
ersten grauen Strähnen im blonden Haar, die ihr in die Stirn fielen, ließ sie
rasch hinter dem Ohr verschwinden. Dann stopfte sie die blaue Uniformbluse in
den Hosenbund und zog den Gürtel enger. Vom Regal über dem Spiegel nahm sie ein
volles 30-Projektile-Magazin, klickte es in die Kammer ihrer DeGamak, wartete,
bis der Sensor rot blinkte, schob die Waffe in das Holster und verließ die
Kabine. Auf dem Weg zur Brücke spielte sie in Gedanken
mehrere Varianten durch, wie sie Harding dazu bringen konnte, mit offenen Karten
zu spielen. »Captain, was ich Sie schon immer fragen wollte
...«, murmelte sie und versuchte dabei ein spitzbübisches Lächeln. Missmutig
schüttelte sie den Kopf. Mit weiblichem Charme war bei Harding nicht viel zu
erreichen, eher mit unverhohlener Autorität: »Captain Harding! Ich erwarte Sie
in fünf Minuten zu einer Einsatzbesprechung in der
Messe!« Doch würde sie die Nerven besitzen, so mit
dem Militär zu sprechen? Zwar hatte Harding den gleichen Rang wie sie, doch
solange sie nicht im Feindgebiet manövrierten und keinen Einsatz flogen, war sie
der Captain an Bord. Ob Harding das respektierte? Sie konnte ihn kaum
einschätzen, doch musste sie es jetzt endlich hinter sich bringen, mit welcher
Variante auch immer. Das Katz-und-Maus-Spiel hatte schon zu lange
gedauert. Ein Geräusch riss sie aus den Gedanken, von
weitem hörte sie aufgebrachte Stimmen durch den Korridor hallen. Sie lief den
Gang hinunter, die Tür glitt mit einem elektronischen Surren auf, und sie betrat
die Brücke. Schlagartig verstummte der Lärm. Sämtliche Varianten hatten sich
erübrigt. Captain Harding stand zwischen den Pilotensitzen und richtete den Lauf
einer entsicherten Selmac7 auf Doc Travis und Commander Bajt.
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