Neapel
Donnerstag, 18. Juli 1647
„Man hätte den Fischer liegen lassen sollen, wo der Pöbel ihn verscharrt hat.“ Der Sekretär des spanischen Vizekönigs zog die Mundwinkel verächtlich nach unten. Er warf einen letzten Blick auf den Trauerzug, der den Platz vor dem Schloss überquerte. Ein Dutzend Männer mit phrygischen Mützen führten die düstere Menge an, als wollten sie alle daran erinnern, dass Masaniello einer der ihren gewesen war. Die Rufe der Menschen auf dem Largo di Palazzo kamen nur gedämpft an – aber immer noch deutlich genug: „Viva il Re di Spagna; mora il malgoverno.“
Der Sekretär zog die schweren Vorhänge zu und hüllte den Raum in Dämmerlicht. Eine Öllampe ließ Herzog de Arcos, Vizekönig Seiner Katholischen Majestät in Neapel, das nötige Licht zum Schreiben. Sein Besucher dagegen, der Erzbischof von Neapel, wurde zu einem Schemen im Hintergrund des Arbeitszimmers.
„So lange sie ihrem König treu sind, mögen sie schreien.“ Rodrigo de Arcos steckte unbeeindruckt die Feder ins Tintenfass zurück und streute Sand über das Dokument, das er gerade unterzeichnet hatte.
„Ich teile Eure Meinung nicht, Don Rodrigo.“ Ascanio Filomarino ließ den Rosenkranz in den Falten seines Kardinalsrocks verschwinden und erhob sich. „Mit Masaniello hat die Revolte zwar ihren Anführer verloren, aber nicht ihren Kopf.“
„Dafür tragt Ihr die Verantwortung, Monsignore.“ Filomarino hatte die Rolle des Mittlers zwischen den Aufständischen und dem Vizekönig inne gehabt; nun konnte de Arcos ihm das Ergebnis vorwerfen. „Der Trauerzug hat ihnen die Gelegenheit gegeben, sich zusammenzurotten.“
„Ihr habt auf die Privilegien geschworen, die der Rat Euch vorgelegt hatte.“ Filomarino trat an die Fensterfront und zog einen der Vorhänge wieder auf. Halb Neapel musste sich dort draußen in Reue über die Ermordung ihres Generalleutnants versammelt haben. Wer auch immer jetzt das Kommando übernahm, er würde keinen Frieden bringen. „Doch nun, da ihr die gabella wieder erhebt, fühlt sich das Volk betrogen.“
„Wir werden damit fertig werden. Sobald Seine Majestät Entsatz schickt. Bis dahin ...“ De Arcos zuckte die Achseln. „Der König hat mir einen Auftrag gegeben und ich werde ihn ausführen!“
„Macht Kompromisse, Don Rodrigo! Gebt den Menschen das Gefühl, dass Ihr ihre Nöte versteht.“
„Lassen wir die Gäste nicht länger warten.“
Der Sekretär holte ein in Seide geschlagenes Päckchen aus einer Schublade des Bücherschranks, bevor er die Tür öffnete und dann den beiden Männern folgte. Entlang des lichterfüllten Korridors, der zum Thronsaal führte, hielten an jeder Tür zwei Alabarderos des Tercio de Nápoles Wache. Die Soldaten zogen ihre federgeschmückten Hüte und salutierten; aber der Vizekönig winkte ab.
Wegen der sommerlichen Hitze standen die Fenster in der Galerie offen und wieder klangen die Stimmen der Neapolitaner zu ihnen. Einer der Alabarderos öffnete die Saaltür; Musik übertönte nun den Gesang des Trauerzugs und war gewiss auch auf der Straße zu hören.
„Macht die Fenster zu!“
Der Soldat gehorchte, aber schon blieben die ersten unter den erleuchteten Fenstern stehen und blickten hoch. Männer reckten ihre Fäuste; die Frauen stemmten die geballten Hände in die Hüften. „Es lebe der König von Spanien; Tod der Missregierung!“
Filomarino sah mit verkniffener Miene hinunter. „Ihr habt von Entsatz gesprochen.“
„Allein mit den Soldaten der Garnison können wir den Aufruhr nicht beenden.“
„Ihr hattet ihn schon beendet, Don Rodrigo! Das Volk war der Exzesse überdrüssig geworden.“
Der Hofmeister neben der Saaltür klopfte zwei Mal mit seinem Zeremonienstab; die Musik setzte aus. „Seine Exzellenz Rodrigo Ponce de Léon y Álvarez de Toledo, Herzog de Arcos, Markgraf de Zahara, Graf de Casares, Herr de Marchena, Vizegraf de Bailén und Herr de Villagarcia, Vizekönig Seiner Katholischen Majestät König Philipp IV. von Spanien.“ Er schnappte nach Luft. „Monsignore Ascanio Filomarino Della Torre, Erzbischof von Neapel.“
Der Vizekönig schritt das Spalier seiner Gäste ab und grüßte manche mit einem flüchtigen Nicken, andere mit ein paar Worten. Niemand aus dem Patriziat der Stadt Neapel hatte es gewagt, diesem Ball fernzubleiben. Unter den Adligen waren sogar mehrere Barone aus der Provinz.
Vor einem jungen Mädchen in fliederfarbenem Seidenkleid blieb de Arcos stehen. „Ihr werdet mit jedem Tag bezaubernder, Signorina.“ Er nickte den beiden Männern zu, die hinter ihr standen. „Ich freue mich, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid, Signor Scandore.“
„Es ist uns eine Ehre“, antwortete der Ältere.
„Ihr werdet bald zu uns gehören.“ De Arcos wandte sich wieder dem jungen Mädchen zu. „Mein Neffe hat Euch etwas schicken lassen.“
Sein Sekretär, der ihm mit einigen Schritten Abstand gefolgt war, überreichte Mirella Scandore das Päckchen.
Feine Röte stahl sich auf ihre Wangen. „Ich bin ... Er ist so großzügig.“
De Arcos wedelte ungeduldig mit der Hand. „Ach was; nur keine falsche Bescheidenheit. Das passt nicht zu Euch.“
Sie errötete noch mehr.
„Ihr habt Euch doch etwas dabei gedacht, als Ihr Euch von Felipe den Hof machen ließt.“
Aus nächster Nähe kam unterdrücktes Kichern; eine dunkelhaarige Frau hielt sich schnell ihren Fächer vors Gesicht.
Mirella krampfte die Finger um das Päckchen und reckte das Kinn, während der Vizekönig weiterging.
„Was denkt er sich eigentlich?“, zischte der junge Mann hinter ihr.
Enzo Scandore legte ihm die Hand auf den Arm. „Nimm dich zusammen, Dario.“ Er neigte sein Gesicht zu ihm. „Wir brauchen ihn noch.“
So leise er auch gesprochen hatte, Mirella hatte es doch gehört. Sie drehte sich um. „Nicht mehr lange. Wenn ich erst die Herzogin de Toledo d’Altamira y Leon bin ...“
Darios Gesicht verfinsterte sich noch mehr. „Den erstbesten Pfau musstest du dir aussuchen.“
„Er ist fast so reizend wie du.“ Mit einem koketten Augenaufschlag hängte Mirella sich an seinen Arm. „Tanz mit mir. Du bist der einzige junge Mann, mit dem ich mich noch amüsieren kann, ohne Anstoß zu erregen.“
„Siehst du; schon sitzt du im goldenen Käfig.“ Aber er geleitete sie doch in den Ballsaal, nachdem das Orchester sein Spiel wieder aufgenommen hatte.
Nach Pavane und Gagliarda winkte Maestro Giovanni Trabaci die Flöten und das Tambour zu sich; das Orchester begann eine Tammuriata zu spielen. Das war ihr Tanz und Mirella warf sich Dario mit einer übermütigen Drehung in die Arme.
Nach kaum einer Minute wichen die anderen Paare eines nach dem anderen an den Rand des Ballsaals zurück. Dario ließ Mirella los und überließ ihr alleine die Tanzfläche. Sie reckte den Kopf noch höher, raffte ihre Röcke bis über die Knöchel und gab dem Kapellmeister einen Wink. Maestro Trabaci nickte mit einem breiten Grinsen und ließ ein wenig schneller spielen.
Die ersten Locken rutschten aus Mirellas kunstvoll hochgesteckter Frisur auf ihre Schultern und eine silberne Haarnadel fiel leise klirrend auf den Marmorboden.
Dann war der Tanz zu Ende. Mirellas lachte vergnügt und drehte sich noch einmal. Ihre Wangen hatten sich erhitzt, aber ihr Atem ging gleichmäßig wie zuvor.
Der Vizekönig kam auf sie zu. „Signorina, Ihr werdet am Hof Seiner Katholischen Majestät eine neue Mode einführen, wenn der König Euch tanzen sieht.“
Mirella lachte. „Das wäre mir bedeutend lieber denn als Hexe verbrannt zu werden.“ Sie strich ihre Locken zurück. „Oder gedenkt man endlich, das Autodafé abzuschaffen?“
„Ich fürchte, in diesen unruhigen Zeiten ist es notwendiger denn je.“ Er reichte ihr seinen Arm, um sie von der Tanzfläche zu geleiten. Auf seinen Wink spielte das Orchester weiter.
„Bedeutet das, Ihr wollt die Inquisition nach Neapel zurückholen?“ Mirella schluckte. „Das Volk ist schon jetzt geschlagen genug.“
„So steht Ihr auf der Seite der Aufrührer?“
„Exzellenz!“, hauchte sie. Sie bekam eine Gänsehaut; das hätte sie wohl nicht sagen dürfen. „Ich bin eine treue Untertanin der Krone.“
„Das solltet Ihr auch sein. Ihr setztet sonst Eure Verlobung aufs Spiel.“
Mit dem Thema sah Mirella sich wieder in sicheren Gewässern. „Die Liebe zu Eurem Neffen geht mir über alles.“
Da zwinkerte de Arcos. „Tatsächlich?“
Mirella fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Eure Exzellenz zweifeln an meiner Aufrichtigkeit?“ Sie lächelte kokett, um ihre Worte notfalls als Scherz erscheinen zu lassen,
„An deiner Aufrichtigkeit nicht, mein Kind. An deiner Erfahrung.“ Er ließ sie mit einem Kopfnicken stehen.
Mirella griff sich mit beiden Händen in die Haare, um sie wieder zu bändigen. „Was bildet der sich ein?“ Unausstehlich arrogant war dieser Mensch. „Erfahrung!“
„Warum schimpfst du so, Schwesterchen?“ Dario stand in ihrem Rücken und lehnte seine Stirn auf ihre Schulter. „Hat er dich geärgert?“
„Ja.“ Am liebsten hätte sie ihrem Zorn freien Lauf gelassen und mit dem Fuß aufgestampft; schon zuckten ihre Muskeln. „Er scheint zu glauben ... Er zweifelt an meiner Erfahrung.“
Dario lachte unfroh. „Wenn du sie hättest, wärest du untragbar als Braut eines spanischen Granden.“
Sie nahm seine Hand. „Lassen wir uns etwas zu trinken geben.“
Als sie an einem der Fenster vorbeigingen, blickte Mirella hinaus. In der beginnenden Dämmerung leuchteten die ersten Fackeln in der Gasse, die zur Basilica del Carmine führte. „Er sprach vom Aufruhr. Und von der Inquisition.“
„Die Inquisition brauchen wir nicht zu fürchten. Die hält uns der Erzbischof vom Hals.“
Sie starrte noch immer hinunter auf den Largo. „Wenn ich mir vorstelle ...“
„In Neapel wird kein Scheiterhaufen mehr brennen. Darin ist Filomarino sich mit dem Heiligen Stuhl einig, glaub mir.“ Er wandte sich ab und sah sich suchend um. „Wir erschlagen unsere Feinde.“
„Wir haben doch gar keine.“
„Doch.“ Dario deutete nach draußen. „Der Pöbel kennt kein Gesetz. Und in einem rechtlosen Zustand verlieren wir alle.“ Er griff nach ihrer Hand und zog sie weiter zum nächsten Saal.
Auf langen Tischen war das Büfett aufgebaut – Pasteten und Geflügel vor allem und üppige Mengen an spanischem Zuckergebäck; dazu spanischer Süßwein, der in Mode gekommene prickelnde Blanquette de Limoux und der rote Anglianico aus der Basilikata, den der Vizekönig zu seinem Hauswein erkoren hatte.
„Aber das stimmt doch gar nicht. Sie wollen bloß weniger Steuern zahlen und die alten Privilegien zurück.“
„Und das Gemetzel der letzten Tage? Glaub mir, es ist noch nicht zu Ende.“ Dario wies zurück zum Thron des Vizekönigs am Ende des anderen Saals. „Hast du sie nicht gehört während des Trauerzugs? Ich fürchte, Don Rodrigo hat einen großen Fehler gemacht.“
Er ließ sich von einem der Lakaien ein Glas Blanquette reichen. Als auch Mirella ihre Hand ausstreckte, hielt er sie fest. „Alkohol ist nichts für kleine Mädchen.“
„Ich bin bald verheiratet.“
„Aber noch nicht einmal fünfzehn.“
Sie blitzte ihn an und hob die Brust zu einer zornigen Entgegnung.
Dario lachte amüsiert. „Geb Er der künftigen Herzogin de Toledo d’Altamira y Leon auch ein halbes Glas davon.“
Der Lakai beeilte sich einzuschenken und Mirella prostete Dario mit einer beschwingten Drehung zu. „Übers Jahr trinke ich so viel ich will.“
„Das möge Felipe verhüten. Du bist schon jetzt außer Rand und Band.“
Mirella trank in zwei Schlucken aus und gab das Glas zurück. „Lass uns tanzen. Wenn du recht haben solltest, mag dies der letzte Ball für lange Zeit ...“
„Eigentlich ...“
„Nun komm! Mit Stefania kannst du noch oft genug tanzen.“
Seufzend folgte er ihr, aber dann wurde er von einem älteren Mann angehalten, dessen taubenblaue Jacke sich zum Platzen über seinem Bauch spannte. „Scandore, kann ich mit Ihm reden?“
Dario blickte zwischen Mirella und ihm hin und her. „Besser nicht jetzt.“
Der Mann musterte Mirella mit zusammengekniffenen Augen. „Ich verstehe.“ Mit einer Kopfbewegung, die ein Gruß genauso gut wie ein Wink für Dario sein konnte, ging er weiter.
„Der ist nicht von hier. Wer war das?“
„Einer von Vaters Kunden, wer sonst?“
Mirella drehte sich um und betrachtete ihn ungeniert genauer. „Er hat viel Geld.“
Dario zuckte die Achseln. „Er liebt es, mit dem Familienschmuck zu protzen.“
„Dann sind die zehn Ringe an seinen Fingern vermutlich alle, die er besitzt.“ Sie kicherte.
„Du bist jetzt schon betrunken.“
Statt wieder mit ihr zu tanzen, wie sie erwartet hatte, brachte er sie zu Enzo zurück. „Ich habe jemanden getroffen ...“
Mirella zog einen Flunsch. „Dies ist ein Fest, kein Kontor.“
„Ich habe ihr erlaubt, einen Schluck zu trinken.“ Er hielt den Kopf schräg. „Es tut mir leid, Vater.“
Enzo klopfte ihm auf die Schulter. „Du kannst sie nicht ewig von allem fern halten.“
„Ich bin auch nicht ewig die kleine Schwester.“
Dario zog sie an einer ihrer losen Strähnen. „Was denn? Die große?“
Alle drei lachten.
„Hättest du denn gerne eine große Schwester?“
Dario schüttelte den Kopf. „Mirella ist schon richtig, so wie sie ist.“ Zielstrebig ging er davon; er wusste offensichtlich, wo der Taubenblaue ihn erwartete..
„Geh tanzen, mein Kind. Wer weiß, wann du wieder Gelegenheit dazu hast.“
Die Unkerei der beiden begann ihr die Festlaune zu verderben; Mirella zog die Nase kraus. „Jetzt redet Er schon genau so. Aufruhr ... Gemetzel ... Inquisition ...“
„Wer redet von der Inquisition?“ Enzo klang alarmiert.
„Niemand.“ Sie wedelte nervös mit ihrem Fächer. Tatsächlich war sie es gewesen, die davon angefangen hatte. „Jedenfalls nicht in Neapel.“
Enzo sah ihr prüfend ins Gesicht. „Hast du das auch richtig verstanden?“
„Dario sagt, der Erzbischof wird es nicht zulassen.“
„Wir gehen unruhigen Zeiten entgegen. Wer weiß, wie lange er sich durchsetzen kann.“
„Aber der Papst ...“
„... stellt sich vielleicht auf die Seite Frankreichs, nachdem er seinen Streit mit Mazarin begraben hat.“
„Was haben die gabelle mit Frankreich zu schaffen?“
„Viel, mein Kind.“
Sie sah ihn groß an; meinte er den Krieg in Flandern? „Aber wir gehören doch zu Spanien.“
„Das war nicht immer so.“
Mirella lauschte einen Moment nach draußen; aber auf dem Largo war es still geworden. Die Menschen waren in der Kirche – oder nach Hause gegangen. „Niemand stellt es in Frage.“
„Bis jetzt. – Nicht in der Öffentlichkeit.“
„Dario sagt, Don Rodrigo habe einen Fehler gemacht. Meint Er, wenn er sich stur stellt ...?“
Enzo tätschelte ihren Arm. „Geh dich amüsieren; das sind keine Themen für ein junges Mädchen.“
Sie starrte ihm hinterher, als auch er den Thronsaal verließ. Immer ließ er sie stehen, wenn sie versuchte, etwas zu begreifen.
Ihr Blick traf den eines jungen Patriziers; Bewunderung lag in seinen Augen. Aber als sie ihm zulächelte, wandte er sich schnell ab. Wohl auch einer von denen, die seit ihrer Verlobung nicht mehr wagten, mit ihr zu tanzen. Doch den jungen spanischen Adligen galt sie immer noch als Bürgerliche. Nur die Alten, die wollten sich mit ihr schmücken – und traten ihr dabei ständig auf die Füße.
Missmutig ließ sie sich in einen Sessel fallen; sie hatte es satt, nirgendwo dazuzugehören.
Aus der Ferne kam ein Knall – fast klang es wie eine Arkebuse. Mirella wandte den Kopf. Dann folgte ein anderer. Dies war eindeutig ein Schuss. Dario hatte wohl recht; die Revolte ging weiter. Neugierig stand sie auf und spähte aus dem Fenster.
Der Largo lag verlassen im Dunkeln. Aber über Santa Lucia war es heller geworden; ein Feuer begann dort, sein Licht zu verbreiten. Rasch wurde es größer.
„Es brennt!“ Mirellas Stimme hatte einen hysterischen Klang; unangemessen – es war doch weit weg. Aber ihr schauderte.
„Was ist los?“ Stefania d’Oliveto, ihre adlige Freundin aus der Klosterschule, stand plötzlich hinter ihr.
Mirella deutete nach draußen. „Man hat schon wieder ein Feuer gelegt.“ Sie drehte sich um.
„Was für eine Dummheit. Sie schaden doch sich selbst.“ Stefania legte ihren Arm um Mirellas Taille. „Warum geben die Menschen keinen Frieden?“
„Sie sind arm und unwissend.“
„Unwissend – das gilt leider auch für den Vizekönig. Er hat nichts begriffen von Neapel in diesen eineinhalb Jahren. Cabrera wusste schon, warum er sich ablösen ließ.“
„Denkst du auch, dass der Aufstand noch nicht zu Ende ist?“
Stefania deutete zum Fenster zurück. „Du siehst es doch selbst. Sie hatten genug von dem verrückten Fischer; aber noch mehr haben sie genug davon, ausgepresst zu werden.“
Mirella sah sie bewundernd an. „Du bist genauso klug wie Dario. Mein Vater redet nie mit mir über Politik. Wenn ich Dario nicht hätte ...“
Stefania lachte. „Dein Bruder ist ein Feuerkopf. Schade, dass er keinen Adelstitel hat.“
„Du meinst ....“ Mirella starrte die Freundin an. Stefanias strahlende Augen ließen keinen Zweifel. „Seit wann ...“ Sie schnappte nach Luft.
Stefania drückte ihr die Hand. „Wir warten nur darauf, dass du heiratest; dann ist er immerhin der Schwager eines Granden.“
Mirella wurde es heiß. Dass das Glück ihrer Freundin von der Hochzeit mit Don Felipe de Toledo d’Altamira y Leon abhängen könnte; darauf wäre sie nie gekommen. Sie starrte zu Boden; hoffentlich ging alles gut. „Wie schön wäre es, wenn wir ohne Standesdünkel leben könnten.“ Dann würden alle Männer mit ihr tanzen, dessen war sie sicher.
Stefania nickte. „So wie wir beide. – Aber wer ist schon wie wir gemeinsam in die Schule gegangen.“ Sie zog Mirella vor den nächsten Spiegel. „Wir ähneln uns sogar: die gleichen dunklen Locken, die gleichen grünen Augen.“ Sie drückte ihre Nasenspitze nach oben. „Und die gleiche himmelwärts strebende Nase.“
Sie lachten sich im Spiegel zu.
Eine der Spanierinnen öffnete das nächstgelegene Fenster und beugte sich hinaus. Dann drehte sie sich um und fuchtelte mit den Händen. „Fuego ...“ Die folgenden Worte kamen zu hastig, um verständlich zu sein. Mehrere Frauen eilten auf sie zu und begannen heftig zu debattieren.
Mirella fing einen feindlichen Seitenblick auf, der ihr einen Schauer über den Rücken jagte.. Sie wechselte ins Neapolitanische. „Die Spanierinnen scheinen ihren Truppen wenig Vertrauen zu schenken. Sie fürchten sich.“
Erstaunlicherweise fand Stefania das nicht amüsant. „Sie haben nicht genug Soldaten. Falls Vater recht hat ...“
Dario trat zu ihnen; Stefania reichte ihm die Hand. „Wo hat Er den ganzen Abend gesteckt?“
„Ich habe mit meiner schönen Schwester getanzt.“ Aber nicht den ganzen Abend – warum mochte er Stefania nichts von dem Fremden sagen? Mirella beobachtete ihn mit wachsamen Augen. Dario lächelte sparsam. „Gibt Sie mir die Ehre?“
Wie gut er sich verstellte. Nicht einmal sie hatte etwas geahnt. Ob Stefania sich von Dario küssen ließ, wenn sie unbeobachtet waren? Sie würde Stefania fragen und ihr keine Ausflüchte zugestehen. Unvermittelt kicherte sie: Erfahrung – hier bekäme sie sie zumindest aus zweiter Hand.
„Wenn Er meine Tritte ertragen mag. Er weiß, dass ich nicht halb so begabt bin wie Mirella.“ Stefania zwinkerte ihr zu; dann reichte sie Dario den Arm.
Er neigte demütig den Kopf. „Ich werde tapfer sein.“ Seine Augen glänzten begehrlich.
So verriet er sich doch. Mirella lachte ihnen triumphierend hinterher.
Sonntag, 11. August 1647
Aus der Küche schlug Mirella penetrant der Geruch von Kohl entgegen, als sie das Haus betrat. Angewidert rümpfte sie die Nase. Gab es selbst am Sonntag nichts Anderes mehr?
Gina stand am Tisch in der Mitte der Küche und schöpfte aus einem hohen Topf Weißkraut zum Abtropfen in ein Sieb. Sie arbeitete konzentriert, als bereite sie ein aufwändiges Gericht vor.
Mit einem klagenden Mauzen schlich der alte Kater an Mirella vorbei und schlüpfte in den Hof, bevor sie die Tür wieder schloss. Anscheinend hatte er die Hoffnung auf sein Hühnerbein aufgegeben und würde sich jetzt einen lebenden Vogel suchen. Vielleicht hatte er mehr Glück als sie.
Im Flur kam ihr Dario entgegen; er flämte nach dem Kohlgeruch und öffnete dann achselzuckend die Tür zum Esszimmer. „Fährst du zur Andacht heute Nachmittag?“
„Das tue ich doch jeden Sonntag.“
„Gut.“ Er legte den Kopf schräg. „Ich setze dich an der Kirche ab.“
„Wo willst du hin?“
Mit einem wachsamen Blick zu den Eltern legte Dario einen Finger auf den Mund. Als ob das weniger verfänglich wäre als ihr zu antworten.
Mirella schmunzelte; er musste doch nicht alleine zu Stefania fahren; sie konnte den beiden die Anstandsdame ersetzen.
Enzo stand neben Rita und öffnete gerade eine Flasche Tarausi.
Dario blieb überrascht stehen. „Gibt es etwas zu feiern, Vater?“
„Dass Sonntag ist.“ Seine ernste Miene sprach aber nicht davon, dass er etwa feiern wollte. „Hoffen wir, dass Filomarinos Predigt die Gemüter beruhigt hat.“ Er schenkte ein Glas halb voll hielt es hoch. Als er es langsam schwenkte, zauberte das Licht granatrote Reflexe in den Wein.
Mirella verfolgte irritiert seine übertriebene Hingabe an den Wein. „Ich begreife es nicht. Was wollen die Leute denn noch?“
„Narrenfreiheit.“ Enzo verkostete den Wein und schnalzte genießerisch mit der Zunge. „Die Briganten nutzen die Unruhen für ihre Zwecke.“
„Und welche sind das?“ Sollte sie bei Wasser bleiben? Kurz entschlossen hielt auch Mirella ihm ihr Glas hin. „Darf ich? Einen Schluck, um am Ende den Geschmack des Kohls zu vertreiben.“
„Gina hat sich Mühe gegeben; sie hat Fisch kaufen können.“ Rita presste die Lippen zusammen.
Dario band sich seine Serviette um den Hals. „Seit Masaniellos Tod gibt es niemanden mehr, der die Leute führen kann. Genoino ist unglaubwürdig geworden.“
„Er hat unklug gehandelt; aber er hat wirklich nicht an sich gedacht.“
„Doch“, widersprach Dario heftig. „Dies alles ist die Rache eines alten Mannes, der seine Stunde gekommen sah. Bevor er ins Grab sinkt, musste er sich noch schnell einen Namen machen.“
„Den hat er nun, unbestreitbar. Man wird ihm ein Denkmal auf den Trümmern der Reggia errichten.“
„Nun ist es genug.“ Rita streckte die Hand nach Enzo aus. „Keine Politik bei Tisch. Mir reicht, dass uns das Essen beständig an die Zustände erinnert.“
Gina kam ins Esszimmer, die große silberne Platte aus Ritas Familienerbe balancierend. Kohlgeruch breitete sich aus. Sie setzte die Platte auf der Mitte des Tisches ab. Zwischen üppigen Mengen von Wirsing und Weißkohl lagen vier kleine Makrelen auf hauchdünnen Scheiben Brot.
„Sehr schön!“ Enzo nickte Gina beifällig zu. „Deine Mühe hat sich gelohnt.“
Gina knickste mit leuchtenden Augen und legte ihm eine der Makrelen auf den Teller. Dann servierte sie Rita einen Fisch und häufelte beiden Wirsing und Kohl daneben. Mirella hielt die Hand über ihren Teller, als Gina um den Tisch herumging. „Nur ein wenig Weißkohl bitte.“
„Kein Fisch?“ Dario klang belustigt.
„Eigentlich nur Fisch. Doch ich fürchte, davon werde ich nicht satt.“
„Iss, Mirella“, befahl Rita. „Sei froh, dass es noch so viel gibt.“
„Wir haben den ganzen Keller voller Kohl!“ Der intensive Geruch verursachte ihr Übelkeit. „Was den betrifft, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Der reicht bis zum Winter.“
„Bis zum Winter. Eben. Weißt du, was dann kommt?“
Rita griff schon wieder nach Enzos Hand. „Aber was sagst du da?“ Sie sah ihn sichtlich erschrocken an. „Fürchtest du, dass sie die Felder anzünden?“
„Wer kann schon wissen, was draußen auf dem Land passiert.“ Dario drehte die Gabel durch den Wirsing, den Gina ihm inzwischen auf den Teller getan hatte.
Enzo zog die Augenbrauen hoch. „Wenn du es nicht weißt ...“
„Niemand kann sagen, wie lange es so weitergeht“, beharrte Dario. „Es gibt keinen mehr, der den Pleb beherrscht.“
„Dieser Waffenschmied, der dafür gesorgt hat, dass die Männer ihre Waffen nicht abgegeben haben, obwohl Don Rodrigo nun die alten Privilegien akzeptiert hat ...“
Dario schnaubte. „Annese ist gefährlich. Er hetzt gegen die Spanier.“
„Der König treibt Neapel in den Ruin!“ Enzo hieb mit der Faust auf den Tisch. „Eine Million Dukaten!“
„Es kostet nun einmal, eine Armee zu unterhalten und uns zu beschützen.“
„Uns! Neapel hat keine Feinde.“
Dario legte den Kopf schräg. „Ich kann Ihm eine ganze Hand voll nennen: Venedig, die französischen Truppen in der Toskana ...“
„Schluss mit der Politik bei Tisch!“ Rita sprach sehr viel leiser als zuvor. Jetzt war sie ernsthaft erbost. „Geh in die Bibliothek. Dort kannst du den Rest des Tages mit deinem Vater räsonieren, sobald wir mit dem Essen fertig sind.“
Dario verstummte und presste die Lippen zusammen; seine Gabel fuhr weiter durch den Wirsing.
Enzo langte über den Tisch und nahm ihm die Gabel weg. „Gehorche!“
Dario sah Enzo schockiert an; dann blickte er zu Rita. „Hat Sie das im Ernst gemeint?“, flüsterte er.
„Sehe ich aus, als ob ich spaße?“ Nein, so sah sie wirklich nicht aus.
Dario sah noch einmal von einem zum anderen; dann stand er auf und nahm sein Glas mit.
„Heißt das, er hat jetzt Ausgehverbot?“ Mirella war ebenso schockiert wie Dario. Dass Rita selbst jetzt so eisern auf ihrer Tischregel bestand: Fand sie es denn nicht wichtig zu begreifen, was mit Neapel geschah?
„Das ist nicht deine Sache, Kind.“ Rita klang wieder warm und herzlich. „Wolltest du denn noch einmal fort?“
Sie nickte.
„Fabrizio wird dich begleiten.“
Als Mirella die Bibliothek betrat, saß Dario auf der gepolsterten Fensterbank und drehte sein Glas zwischen den Fingern; es war noch genauso voll wie zuvor.
„Ich werde Stefania sagen, warum du nicht kommst.“
Er sah auf; sein Blick war eine einzige Frage. „Wie kommst du auf Stefania?“
Mirella lächelte verschmitzt und setzte sich neben ihn. „Tu nicht so! Sie hat mir von euch erzählt.“
Ein Licht stieg in Darios Augen und für einen Augenblick sah er jung und verletzlich aus. Dann schüttelte er den Kopf. „Stefania würde in ein Kloster verbannt, wenn die Marchesa etwas erführe.“ Er gab ihr einen zärtlichen Stups auf die Nase. „Schlaues Mädchen; aber du denkst in die falsche Richtung. Wir treffen uns nicht heimlich.“
„Aber wohin wolltest du dann?“
Er schüttelte schon wieder den Kopf; das wurde entschieden eine neue Angewohnheit von ihm. „Das kann ich dir nicht sagen.“
Sie rückte von ihm ab. „Du hattest noch nie Geheimnisse vor mir. Und jetzt gleich zwei.“
Dario lachte lauthals.
„Was ist so komisch daran?“
„Schwesterchen, ich glaube, du bist eifersüchtig.“
„Gar nicht. – Wer wartet heute Nachmittag vergeblich auf dich? Ich kann doch wenigstens Bescheid sagen.“
Dario lächelte über ihren Eifer. „Es wäre gewiss höflicher, wenn ich mich entschuldigen ließe.“ Er senkte den Kopf. Gab es da noch etwas zu überlegen? „Nein, dich kann ich nicht schicken. Nicht dorthin. So gern ich es auch täte.“
„Du vertraust mir nicht!“
Er beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Stirn. „Ich sollte meiner eigenen Schwester nicht vertrauen? Wem sonst, wenn nicht dir!“
Enzo trat ein. die Weinflasche in der Hand. „Du bist auch hier?“ Er ging zum Schreibpult und nahm seine Pfeife heraus. Während er sie stopfte, musterte er beide. „Habe ich euch unterbrochen?“
Mirella zögerte; sie wartete auf Darios Entgegnung. Aber der drehte bloß sein Glas zwischen den Fingern. „Ich möchte nach der Andacht zu Stefania und auch die alte Giuseppina besuchen.“ Auch wenn Dario ihr nicht sagen mochte, was er vorhatte; vielleicht konnte sie ihn aus dem Hausarrest befreien. „Es schickt sich nicht, dass nur Fabrizio mich begleitet. Was sollen die Leute denken! Es sähe aus, als ginge ich mit einem Kutscher spazieren. Oder soll ich das letzte Wegstück ohne Begleitung zurücklegen?“
„Sei nicht kindisch.“ Enzos Stimme war ungewohnt scharf. „Wenn es dir nicht passt, dann bleib zu Hause.“ Er ging zum Bücherschrank und nahm mehrere in Leder gebundene Folianten heraus. Schließlich reichte er Dario einen davon. „Lies das. Vielleicht wirst du dann ein bisschen klüger.“
Mirella schielte auf den Buchrücken. „Dante?“
„Ich habe ihn mehr als einmal gelesen. Er sagt mir nichts.“
„Dann lies ihn noch einmal. Und denk nach dabei.“
Dario verzog das Gesicht, schlug aber folgsam das Buch an der von Enzo angegebenen Stelle auf.
„Lies uns vor.“
Dario trank einen Schluck, stellte das Glas ab und gehorchte mit einem Seufzer.
„O töricht Sorgen Sterblicher, wie sind nur
So mangelhaft die Syllogismen alle,
Die deinen Flügelschlag nach unten richten! ...“
Nach einer halben Stunde stand Enzo auf. „Genug für heute.“
Nachdem er die Bibliothek verlassen hatte, sahen sich Dario und Mirella verblüfft an.
„Was sollte das?“
„Eine Lektion.“ Dario stieß den Atem aus. „Ich habe wirklich gedacht, anschließend lässt er mich gehen.“ Er trank sein Glas leer, stand auf und nahm die Flasche, die Enzo stehen gelassen hatte. „Auf bessere Zeiten! Möchtest du auch einen Schluck?“
„Du bist komisch heute! Was ist nun?“
„Geh zu deiner Andacht. Und zu Giuseppina!“ Bevor er die Bibliothek verließ, drehte er sich noch einmal um zu ihr. „Sag Fabrizio, er soll zu mir kommen, bevor ihr fahrt.“.
Enzo ging am Fenster vorbei in den Rosengarten, eine Schere in der Hand. Dort schnitt er welke Blüten aus; zuweilen bog er ein paar Zweige auseinander und betrachtete die Blätter. Wahrscheinlich hatten die Rosen wieder Läuse. Um seine Blumen machte er sich mehr Gedanken als um seine Kinder. Obwohl ...
Mirella nahm den Folianten und las noch einmal, was Dario vorgelesen hatte. Er schien verstanden zu haben, was Enzo ihm damit sagen wollte. Warum war sie zu dumm dafür?
Als der Kies vor dem Fenster knirschte, sah Mirella auf. Enzo kam zurück. Was würde er dazu sagen, dass sie nun doch mit Fabrizio fort wollte?
Sie öffnete das Fenster, das Buch in der Hand. „Vater, warum sollte Dario den Dante lesen?“
Er reichte ihr den Korb mit den Rosen. „Damit er sich nicht in unnützen Dingen verliert.“
„Aber ...“
„Lass die Rosen in die Vasen verteilen.“
Mirella steckte ihre Nase in den Korb. „Wie sie duften! Darf ich Giuseppina welche mitbringen?“
„So hast du es dir anders überlegt?“
„Jeder weiß doch ...“ Dann gewann die Lust, ihn zu provozieren. „Es ist Sein Name, dem ich schade, wenn ich mit unserem Kutscher durch die Wälder des Vesuvs spaziere.“
„Bring ihr Blumen, so viele du magst.“ Er grinste sie an. „Du brauchst sie nicht einmal selbst zu tragen.“ Enzo ging, ein Spottlied pfeifend, weiter. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass er es kannte.
Fabrizio stand neben den Pferden und steckte eben ein versiegeltes Papier in seine Hosentasche, als Mirella später den Hof betrat.
„Wie lange wird Sie in der Kirche bleiben, Signorina?“
„Das weiß ich noch nicht.“ Mirella ärgerte sich noch immer über Darios Geheimnistuerei. „Du wirst es wissen, wenn ich wieder herauskomme.“
Ein Schatten fiel über Fabrizios Gesicht und seine Lippen bewegten sich einen Moment, als wolle er etwas erwidern. Stattdessen zog er die Knebel an seiner Weste durch ihre Schlaufen und zog die aufgerollten Hemdsärmel herunter; dann half er Mirella in die Kutsche.
Als sie dann vor der Basilica del Carmine hielten, schalt Mirella sich als ungehörig: Da ging sie in die Kirche und war gleichzeitig garstig zu einem Dienstboten.
Die Piazza del Mercato lag verlassen in der gleißenden Sonne. Und eben das war bedenklich. Zu einem richtigen Sonntag gehörten die Komödianten und anderer Zeitvertreib.
„Warum wolltest du wissen, wie lange ich zur Andacht bleibe? Hast du etwas zu besorgen?“
Fabrizios Hand glitt zu seiner Jackentasche. „Gina ...“ Er stockte, als sei ihm eingefallen, dass sie es herausfände, wenn er ihr etwas über Ginas Aufträge vorlöge.
Sie sah ihn auffordernd an; mit einem Lächeln, dass ihn hoffentlich ermutigte zu sprechen.
„Ihr Bruder hat mich gebeten, einen Brief zu überbringen.“
„Du kannst einen Umweg machen auf dem Heimweg, wenn es dafür nötig sein sollte.“ Sie wandte sich ab und betrat die Kirche.
Mirella liebte die Basilika der Santa Maria del Carmine Maggiore, weil gleich zwei Kapellen Namenspatronen ihrer Großeltern gewidmet waren. Aber als sie nun auf dem Weg zur Kapelle des heiligen Gregorio am Grab Masaniellos vorbeikam, überlief sie ein Schauer. Statt für die Seelen der Großeltern sollte sie besser für Neapel beten; die Lebenden waren in größerer Not.
Mirella wandte sich nach rechts zur Madonna del Carmine. Während sie vor dem Bild der braunen Jungfrau kniete, ging ihr die Frage nicht aus dem Kopf, wohin Fabrizio nachher mit ihr fahren würde. Sie sprach ihre Gebete hastig wie selten und eilte nach draußen.
„Du musst nicht bis zum Heimweg warten. Gib den Brief gleich auf dem Weg zu Giuseppina ab. Man soll nicht umsonst auf Dario warten müssen.“
Fabrizio nickte; war er erleichtert?
Fabrizios Ziel lag nicht auf dem Weg. Statt in Richtung des Vesuvs bog er zum Pizzofalcone ab und fuhr dort in eine der schmalen Gassen. Er hielt vor einer Trattoria; aber nicht dort ging er hinein, sondern klopfte an die Tür des Nachbarhauses.
Die Haustür versperrte Mirella zu ihrer Enttäuschung die Sicht auf den Menschen, mit dem Fabrizio sprach. Die Vorhänge im Parterre des Wohnhauses waren geöffnet und eines der Fenster auch, aber von der Kutsche aus war trotzdem nicht zu erkennen, was dort vor sich ging.
Fabrizio drehte sich um; sein Blick suchte den ihren. „Einen Augenblick nur, Signorina.“ Dann betrat er das Haus.
„Gallo bianco“ – „Zum weißen Hahn“. Gewiss hieß hier keine zweite Trattoria so; sie würde wieder hierher finden.
Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis Fabrizio herauskam und aufstieg. Die Gasse endete hinter der nächsten Ecke; er musste wenden. Mirella rückte schnell auf die andere Seite der Kutsche und blickte hinaus.
Laute Männerstimmen drangen aus dem Gallo bianco, während sie sich wieder näherten. Sie klangen alt. Und aufgeregt. Oder zornig. Aber die Räder ratterten viel zu laut über das Pflaster, um etwas zu verstehen.
Gerade wollte Mirella sich in die Polster der Kutsche zurücklehnen, als die Tür geöffnet wurde. Zwei Männer traten heraus. Einer von ihnen trug teures Tuch im modischen Grün und ein Hemd mit breiten venezianischen Spitzen an den Manschetten, die er über die Jackenärmel geschlagen hatte. Das Gesicht hatte sie schon einmal gesehen. Dann drang sein meckerndes Lachen zu ihr und sie erkannte ihn. „Der Ziegenbock!“ Was tat einer der Maddaloni an einem solchen Ort? Konnte Darios Brief etwas mit ihm zu tun haben? Freilich hatte Fabrizio ihn im Nachbarhaus abgegeben, aber das musste nichts besagen.
Mirella kicherte. Sie würde Darios zweites Geheimnis genauso herausfinden wie das erste.
***
Zu Hause stürmte sie die Treppe hoch zu Darios Zimmer und riss die Tür auf, ohne anzuklopfen.
Dario stand an seinem Sekretär über einen Stapel Papiere gebeugt und fuhr erschrocken herum.
„Fabrizio hat deinen Brief beim Gallo bianco abgegeben.“ Sie weidete sich einen Augenblick an seinem schockierten Gesichtsausdruck. „Im Haus links davon, meine ich damit. War das richtig so?“
Dario nickte. „Woher weißt du das so genau?“ Er legte ein weißes Blatt auf den Papierstapel und trat auf sie zu, als wolle er verhindern, dass sie darauf schaute.
„Ich habe aus dem Fenster geguckt; was denkst du?“
Er runzelte die Stirn; aber er sagte nichts.
Sie setzte sich auf die Kante seines Betts und ließ die Beine baumeln. Dario stand immer noch mitten im Raum.
„Habe ich dich gestört?“ Sie deutete zum Sekretär. „Arbeite nur weiter. Du weißt, dass ich dir gerne zusehe.“
„Es hat keine Eile.“ Er setzte sich endlich neben sie und nahm ihre Hand. „Wieso hat Stefania dir von uns erzählt?“
„Ich bin ihre beste Freundin; weißt du das nicht? Unter Freundinnen gibt es keine Geheimnisse.“ Sie entzog ihm die Hand und stemmte sie in ihre Hüfte. „Anscheinend aber unter Geschwistern. Neuerdings.“ Sie seufzte. „Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht weiß, was du vorhast.“
„Ich brauche keine Hilfe.“
„Nein?“ Sie rückte von ihm weg, als sei sie gekränkt. „Tatsächlich? Für deinen Brief hast du doch auch nicht selber sorgen können.“
Er schüttelte den Kopf. „Das ist Männersache.“
„Freilich ... Weißt du, wen ich gesehen habe? Den neuen Herzog de Maddaloni. Er kam aus dem Gallo bianco, gerade als ich vorbeifuhr.“ Täuschte sie sich oder wurde Dario wirklich blass? „Aber warum auch nicht? Der Durst wird ihn übermannt haben. Merkwürdig war eher, dass er von einer etwas finsteren Gestalt begleitet wurde.“ Sie grinste. „Ich habe ihn an seinem unverwechselbaren Lachen erkannt. Maddaloni, nicht den anderen.“
Dario lehnte sich gegen den Bettpfosten. „Warum sollte das merkwürdig sein? Die lazzari sind durchaus ehrenwerte Männer.“
„Wie kommst du jetzt auf die?“
„Du sagtest eben ...“
„Ich sprach von einer finsteren Gestalt, nicht von einem lazzaro.“
„Wen sonst solltest du damit gemeint haben?“
„Briganten? Es scheint eine finstere Ecke zu sein. So abgelegen.“
Er grinste. „Du bist wohl auf Abenteuer aus! Hast du noch nicht genug Aufregung gehabt in den letzten Wochen?“
„Aber du lässt mich ja gar nicht.“ Sie würde schon dafür sorgen, dass er sie brauchte.
„Du führst etwas im Schilde, Schwesterchen.“ Er hielt den Kopf schräg, als er sie aufmerksam musterte; aber dieses Mal lächelte er nicht.
Sollte er schmoren. „Ich habe noch etwas zu tun. Mutter wartet auf mich.“
Er legte den Finger auf seine Lippen. „Sag ihr nichts von Stefania.“
Mirella blieb in der Tür stehen. „Es würde sie freuen. Und sie könnte deine Verbündete sein.“
Für einen Augenblick schien es, er habe ihr nicht zugehört; sein Blick war irgendwo in die Wolken gerichtet, die es an seiner Zimmerdecke gar nicht gab. „Nicht jetzt. Wenn wir dies alles hinter uns haben.“
Sie ging zu ihm zurück und setzte sich wieder. „Wird es dann nicht eher schwieriger?“
„Was meinst du damit?“
Sie wand sich. „Stefania hat mir gesagt, dass ihr auf meine Vermählung setzt. Aber wird sie noch etwas bedeuten, wenn ich in Madrid bin und Don Rodrigo nicht mehr Vizekönig ist?“
„Dann gibt es eben einen anderen. Felipe muss nicht Neffe des Vizekönigs sein.“
Und wenn die Hochzeit gar nicht mehr stattfinden könnte? Nein; besser, sie beunruhigte ihn nicht mit solchen Gedanken. „Woher wusste Fabrizio, wem er den Brief geben muss? War er dort schon öfter?“
„Mein Gott, bist du heute neugierig.“ Dario klang tatsächlich ungehalten.
Dann würde sie eben alleine herausfinden, was es mit dieser Trattoria auf sich hatte. „Wenn dir das nicht gefällt, dann bitte mich nicht darum, dir einen Gefallen zu tun.“
„Ich hatte Fabrizio den Auftrag gegeben, nicht dir.“
In der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Und es hat auch nicht gestimmt, dass du mich nicht dorthin schicken konntest. Es ist ein ganz normales Haus neben einem ganz gewöhnlichen Wirtshaus.“
***
Am nächsten Morgen ließ Mirella sich von Fabrizio erneut zum Pizzofalcone bringen.
Es waren ungewöhnlich viele Menschen auf den Straßen, die in Gruppen beieinander standen und in aufgeregte Gespräche verwickelt waren. Nachdem auch Salerno sich erhoben hatte, blieb offensichtlich selbst die Predigt eines Kardinals ohne Einfluss.
Je näher sie dem Zentrum kamen, desto mehr Passanten schienen alle demselben Ort zuzustreben. Bald darauf ertönten zwei Schüsse. Erschrocken ließ Mirella Fabrizio anhalten; aber da keine weiteren folgten, war es wohl ungefährlich weiterzufahren. Er bog dennoch von ihrem Weg ab und machte einen großen Bogen um die Piazza del Mercato.
Auf dem Pizzofalcone dagegen herrschte der Alltag. Zwei Mal musste Fabrizio einen Umweg fahren, weil Fuhrwerke mit Sand und Tuffstein in den engen Gassen ausgeladen wurden und ihnen den Weg versperrten. Selbst in diesem abgelegenen Viertel wurden mangels freier Flächen innerhalb der Stadtmauer Häuser aufgestockt.
Vor dem Gallo bianco stieg Mirella aus. Nun spiegelte sich die Sonne in den Scheiben des Wirtshauses und verwehrte ihr den Blick hinein. Sie drückte langsam die Klinke hinunter. Aber die Tür war verschlossen.
Gegenüber klapperte ein Fenster. Kurzentschlossen ging sie über die Straße und klopfte dort.
Nach einer Weile wurde das Fenster geöffnet und eine zahnlose alte Frau blickte zu ihr herunter. „Was ist?“
„Sie verzeihe mir, aber ... Wann hat der Gallo bianco auf?“
„Was will Sie dort?“ Die Alte strich ihre dünnen Haare zurück. Sie kniff die Augen zusammen und deutete auf Fabrizio. „War Sie nicht gestern schon hier?“
Mirella fühlte sich ertappt. Sie versteifte sich; doch dann wurde ihr klar, dass sie die Gelegenheit nutzen konnte. Wenn sie harmlos genug wirkte, bekäme sie bestimmt genug Antworten. „Aber ich habe etwas vergessen und darum ....“ Wie absichtslos hörte sie auf zu sprechen und sah scheinbar verlegen zu Boden. „Ich bin manchmal ein bisschen schusselig.“
Die alte Frau klang plötzlich sehr viel freundlicher. „Aber das macht doch nichts, Kindchen. Der Wirt wohnt links daneben. Geh Sie nur und klopfe.“ Sie reckte sich weiter aus dem Fenster. „Um diese Zeit ist er meist schon wach. Ich denke doch, dass er an einem Tag wie diesem ...“ Also gehörten der Gallo bianco und das Nachbarhaus tatsächlich zusammen. Bestimmt gab es eine Tür, die beide Häuser miteinander verband.
Bevor die Alte sie mit ihrem Redefluss überschwemmen konnte, verabschiedete Mirella sich schnell mit einem höflichen Knicks. Sie raffte ihre Röcke und lief mit einem Tanzschritt los, während sie die Straße überquerte.
„Fabrizio, wem hast du gestern Darios Brief gegeben?“
Fabrizio sah irritiert aus. „Habe ich etwas falsch gemacht? Der Signore sagte, es sei in Ordnung; er würde ihn weitergeben.“
„Aber du warst doch im Haus.“
Er nickte. „Sicher. Sollte ich den Brief etwa dem Kind geben, das mir geöffnet hatte?“
„Nein; es war alles ganz richtig.“
„Was tun wir dann hier?“
„Dario erwartet eine Antwort“, fiel ihr ein zu sagen. „Aber wir wollen uns doch nicht lange aufhalten lassen. Wenn du also wüsstest, nach wem ich fragen soll?“
Fabrizio wiegte bedauernd den Kopf. „Frag Sie, ob der Edelmann eine Nachricht hinterlassen hat.“
„Der Edelmann?“ Sie hatte gedacht, er wüsste besser Bescheid.
Fabrizio wurde ganz Eifer. „Hat Sie ihn nicht selber gesehen?“
Der Ziegenbock.
Mirella ging zum Haus des Wirts und zog an der Glocke. Es war so still hier – ob alle auf die Piazza gegangen waren? Am Ende gab es dort Wichtigeres zu erfahren.
Schließlich wurde die Tür geöffnet. Eine Frau in einem verblichenen Kleid aus grobem Hanfleinen musterte sie mit griesgrämigem Gesicht. „Die Signorina will zu uns?“
„Mein Bruder hat gestern einen Brief abgeben lassen und ich soll fragen, ob es eine Antwort gibt.“
„Ich weiß von keinem Brief.“ Sie drehte sich um und rief in den Flur: „Giacomo! Giacomo, hast du gestern einen Brief bekommen?“
Irgendwo scharrte ein Möbelstück über Steinboden. Dann quietschte etwas und ein Vogel zeterte. Am Ende des Flurs trat ein Mann mit Bartstoppeln auf den Wangen und einem Ziegenbart unterm Kinn aus einer Tür.
Hier wimmelt es von Ziegen, kam Mirella in den Sinn. Sie hielt sich schnell die Hand vor den Mund, um ihr Lachen zu verbergen.
„Ich habe keinen Brief bekommen!“ Er gähnte ungeniert, während er den Flur entlangschlurfte. Seine Zähne waren von dunklen Flecken übersät; ein Eckzahn fehlte.
„Scandore. – Unser Kutscher hat hier gestern einen Brief ausgehändigt. Dem Edelmann, der bei Ihm zu Gast war.“
„Davon weiß ich nichts.“
Mirella versuchte, ihre Ungeduld mit einem verbindlichen Lächeln zu verbergen. „Ist er wieder da?“
„Wer?“
„Der Edelmann. Er ging kurz darauf weg.“
Der Wirt kam näher und schnürte sich im Gehen die Hose zu. „Wann soll das gewesen sein?“
„Am Nachmittag.“ Mirella trat von einem Fuß auf den anderen. War der Mann so dämlich oder wollte er nicht mit der Sprache herausrücken? „Bitte, es ist wichtig. Mein Bruder erwartet eine Antwort.“
„Am Nachmittag war ich in meinem Wirtshaus.“
„Eben.“ Sie holte tief Luft. „Und der Duca de Maddaloni war am Nachmittag bei Ihm.“
Er riss die Augen auf, als sie den Namen nannte. Aber nur eine Sekunde; dann wirkte er wieder so verschlafen wie zuvor. „Der Herzog hat meine bescheidene Trattoria beehrt wie immer, wenn er sich mit seinen Leuten trifft.“ Das klang schon freundlicher. „Aber von einem Brief weiß ich trotzdem nichts.“ Er zog die Hose ein Stück höher. „Ist Sie sicher, dass der Herzog den Brief in Empfang genommen hat?“
„Wer sonst, wenn nicht er?“
„Ich werde ihn fragen, wenn er wiederkommt.“ Wenigstens hatte er jetzt mit seinen Gegenfragen aufgehört; vielleicht würde er ihr doch etwas erzählen. Das, was Dario ihr verschwieg.
„Wann?“
Giacomo musterte sie von oben bis unten, während er nachdachte; so lange, bis seine Frau ihn in die Seite stieß. Hoffentlich hielt die Alte sie für ein harmloses Kind; sonst würde sie ihm nach ihrem Weggehen den Kopf waschen und es wäre vorbei mit seiner Hilfsbereitschaft. Solche Männer standen immer unter der Fuchtel; entweder ihrer Frauen selber oder der Schwiegermütter.
„Käme Sie morgen Abend wieder, dann könnte ich Ihr die Antwort des Herzogs geben. So er eine für Ihren Bruder hat.“ Er bohrte sich in der Nase und betrachtete dann den Popel zwischen seinen Fingern. „Aber ein junges Ding wie Sie sollte abends zu Hause bleiben. Warum kommt er nicht selber?“
Sie reckte den Kopf. „Er hielt es für zu verfänglich.“
Die Andeutung eines Lächelns ging über sein Gesicht. „Vorsichtiger Mann, Ihr Bruder.“ Er trat noch einen Schritt näher und blickte hinaus. „Aber dann sollte Sie auch vorsichtiger sein und nicht mit einer Kutsche kommen, die jemand wiedererkennen könnte.“
Mirella nickte. „Er hat wohl recht. Ich werde morgen Abend das letzte Stück zu Fuß kommen. In dieser Gasse wohnen gewiss nur ehrbare Leute.“ Wie Er, verkniff sie sich zuzufügen.
***
Auf dem Rückweg waren die Straßen anfangs alle frei. Kurz vor der Piazza del Mercato wurde die Kutsche jedoch von einem Mann mit einer Hellebarde aufgehalten.
„Sie kann hier nicht weiterfahren, Signorina!“
„Aber warum denn?“
„Auf der Piazza findet ein Tribunal statt. Kehrt um.“
In diesen Tagen mochte alles wichtig sein, was in der Stadt passierte. Die Glocken der Santa Maria del Carmine hatten eben erst die elfte Stunde geschlagen; Zeit genug, rechtzeitig zum Mittag nach Hause zu kommen.
Mirella stieg in der Gasse neben der Kirche des Sant'Eligio Maggiore aus. Sie tippte einem älteren Mann auf die Schulter. „Was geschieht hier?“
„Die Seidenweber fordern den Erlass der Steuern.“
„Und? Bekommen sie ihren Willen?“
„Dem einen erlässt der Vizekönig die Steuern und dafür setzt er sie den anderen hoch. Oder erfindet neue.“ Er schüttelte den Kopf. „So geht das doch nicht.“
Er drängte sich in Richtung der Piazza durch die Menge. Mirella folgte ihm geschwind, ehe sich der Weg vor ihr wieder schloss. Sie erntete manchen misstrauischen Blick; in ihrem feinen Brokat fiel sie auf. In dem Gedränge auf der Piazza verlor sie ihren Führer und kam nicht mehr voran; niemand mochte ihr Platz machen. Aber die Nachdrängenden schoben sie mit Ellenbogen und Fußtritten weiter; einer packte sie gar um die Taille, als ob sie dadurch dünner würde. Nun konnte sie nicht mehr zurück; sie musste darauf setzen, dass vielen ihr Essen wichtiger wäre als das Spektakel.
Seit den Tagen Masaniellos stand ein Podest neben dem Delphin-Brunnen auf der Piazza. Dort krächzte der alte Genoino mit ausgebreiteten Armen zur Menge hinunter. Doch gegen deren Geschrei kam er mit seiner heiseren Stimme nicht mehr an.
Ein junger Mann, der die rote Mütze der Fischer trug, sprang zu ihm hoch. Er packte Genoino am Arm und versuchte, ihn herunterzuzerren.
„Nach Hause. Geh nach Hause!“, brüllten einige um Mirella herum.
Sie zuckte zusammen, aber natürlich galt es nicht ihr, sondern denen auf dem Podest. Oder einem der beiden.
Ein dritter Mann sprang hoch. Er stellte sich an den Rand und zog eine Pistole aus seiner Schärpe. Ein Schuss in die Luft; die Menge verstummte.
„Wir lassen uns nicht länger betrügen.“ Der Mann hielt den Menschen seine Hände hin. „Wir arbeiten sieben Tage in der Woche von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang; und doch reicht es nicht, um unsere Familien zu ernähren. Schluss damit!“
Sie brüllten Zustimmung; viele schwenkten Knüppel, Äxte und manch einer auch eine Schusswaffe.
„Aber es wäre kaum besser ohne die gabelle! Wir müssen verhindern, dass die Preise weiter sinken.“
„Wie willst du das erreichen?“ Genoino hinter ihm hatte seine Stimme wiedergefunden.
Der Mann drehte sich zu ihm um. „Du wirst es sehen.“ Er schwenkte beide Arme und wies zum Hafen. „Kommt mit!“ Dann sprang er herunter und verschwand in der Menge.
Mehr und mehr Menschen verließen die Piazza. Mirella wurde beiseite gedrängt. Die meisten schienen ausgerechnet an ihr vorbeigehen zu wollen. Schließlich gelangte sie zum Portal der Basilika und blieb in dessen Schutz stehen.
Dann tauchte der Mann vor ihr auf, der die Menge zum Mitkommen aufgefordert hatte. Einen Moment kreuzten sich ihre Blicke; er grinste sie herausfordernd an. Kannte er sie?
Mirella betrat die Kirche und ging auf der anderen Seite durch einen Seiteneingang hinaus. Auch in der Gasse, in der die Kutsche stand, drängten sich aufgebrachte Menschen. Sie würden Mühe haben fortzukommen.
Fabrizio hielt die Pferde am Kopfzeug fest und sprach beruhigend auf sie ein. Sein Blick leuchtete auf, als er sie sah. „Ich war in Sorge, Signorina. Lasst uns fort von hier, bevor man Sie erkennt.“ Er riss den Schlag auf und streckte ihr die Hand entgegen.
Sie lächelte. „Einer hat mich wohl erkannt.“
Fabrizio sah sie erschrocken an.
„Was ist schlimm daran?“
„Sie ist die Tochter Scandores.“ Natürlich war sie aufgefallen; aber man tat doch einem jungen Mädchen nichts. Im Nachhinein konnte sie über die scheelen Blicke schmunzeln.
Nachdem sie eingestiegen war, sah er sich wachsam um. „Hat Sie nicht begriffen, was sie vorhaben?“
„Doch. Sie wollen mehr Geld für ihre Familien.“
Er schüttelte den Kopf. „Sie wollen sich die Konkurrenz vom Hals schaffen.“ Bevor sie nachfragen konnte, was er damit sagen wollte, sprang er auf den Bock.
Nachdem sie das Gewühl hinter sich gelassen hatten, jagte er die Kutsche in einem Tempo durch die Gassen, wie Mirella es noch nie erlebt hatte. Vor dem Haus bremste Fabrizio so abrupt, dass die Pferde zornig wieherten. Er sprang ab und rannte die Stufen zum Eingang hinauf. Dort warf er sich regelrecht gegen die Tür statt anständig zu klopfen.
Als er im Haus verschwunden war, raffte Mirella ihre Röcke und kletterte allein aus der Kutsche.
Dario stürmte an ihr vorbei, gefolgt von Fabrizio. Dann kam auch Enzo.
„Bleib Er zu Hause, Vater. Ich mach das schon.“ Dario stieg in die Kutsche und Fabrizio jagte davon, bevor Enzo alle Stufen hinuntergegangen war.
„Vater!“
Er drehte sich zu ihr um. „Sag Gina, sie soll nicht mit dem Essen auf uns warten!
„Was ist denn los?“
„Tu, was ich dir sage.“
Gleich darauf stand Enzo im Hof und rief die Dienstboten zusammen. Die beiden Gärtner, die Stallburschen und der alte Hausdiener griffen sich jeder einen Eimer und rannten hinaus. Enzo sattelte selbst sein Pferd und folgte ihnen.
Gina beobachtete sie durch die offene Küchentür und zerrte an dem Handtuch, das sie zwischen den Fingern hielt. „Sie werden nichts ausrichten. Sie kommen zu spät!“
„Aber was ist denn los?“
Gina starrte sie fassungslos an. „Du warst doch selber dort! Hast du es denn nicht begriffen?“
„Aber ...“ Mirella sah den Mann von der Piazza vor sich und jetzt fiel es ihr ein: Sie hatte ihn im Kontor gesehen; er war einer von Enzos Lieferanten. Zum Karneval hatte er ihr einmal chiacchiere mitgebracht, die seine Frau gebacken hatte.
Gina hackte mit solch grimmigen Gesicht auf die Zwiebeln ein, als wolle sie sie totschlagen. In ihren Augen standen Tränen. Sie wischte sich die Hand an der Schürze ab und dann mit der Schürze übers Gesicht. „Madonna, sind die Zwiebeln scharf!“
Argwöhnisch sah Mirella ihr zu. „Lass mich das machen.“
„Das gehört sich nicht.“
Mirella nahm ihr das Messer weg.
Gina schluchzte auf, während Mirella das Hackbrett zu sich heranzog. „Du ruinierst dir das Kleid.“
Unwillkürlich blickte Mirella an sich herab. „Es ist doch bloß ...“ Florentiner Stoff. Das hatte Fabrizio mit der Konkurrenz gemeint!
Entsetzt sah sie Gina an. „Die Seidenweber brennen unser Lager ab!“ Sie sprang auf. „Wir müssen den Männern beim Löschen helfen.“
Gina schluchzte lauter. „Bleib hier! Es ist gefährlich!“
„Eben!“ Mirella griff nach dem Eimer, der unter dem Waschtisch stand. Einen Moment zögerte sie; dann nahm sie den Ausgang über den Hof, um Rita nicht zu begegnen. Die Mutter würde sie womöglich aufhalten wollen.
Mit dem Eimer in der Hand lief sie auf die Straße. Der Glashändler von gegenüber, Antonio Varese, ließ gerade seine Kutsche auf die Straße rollen. Während der Kutscher ihm die Tür aufhielt, wollte Mirella an ihnen vorbeirennen.
„Langsam!“ Varese erwischte sie an einer Schleife ihres Kleides.
Mirella packte seine Hand. „Lasst mich!“
„Steig ein, wir haben den gleichen Weg!“ Er griff nach ihrem Eimer.
In der Kutsche saßen drei von Vareses Dienstboten, Eimer auf dem Schoß oder zwischen den Füßen. Mirella stieg ein und der Nachbar zwängte sich neben sie.
„Ich fürchte allerdings, wir werden zu spät kommen. Warum hat uns Ihr Vater nicht gleich zu Hilfe geholt?“
Die Straßen waren immer noch voller Menschen. Sie brauchten lange, bis sie den Kai erreichten, an dem das Lagerhaus stand. Der Geruch von Rauch stieg Mirella in die Nase. Die Gesichter der Dienstboten wurden grimmig, verbissen.
Metall klirrte auf Metall. Männer brüllten; dann gab es einen lang gezogenen Schrei, der ihr einen eisigen Schauer den Rücken hinunterjagte.
Varese schob den Vorhang beiseite und warf einen Blick nach draußen. „Sie bleibt hier, Signorina!“
„Aber ...“
„Keine Widerrede. Ihr Bruder bringt mich um, wenn Ihr etwas passiert.“
Er stieg aus, noch ehe die Kutsche ganz angehalten hatte, und winkte seinem Kutscher. „Cesare, sorg dafür, dass die Signorina hier bleibt.“ Die anderen Männer folgten ihm.
Mirella stand auf.
„Signorina, bitte.“
Sie schenkte Cesare ein Lächeln. Er war kaum älter als sie; sie sollte ihn bezaubern können. „Er kann mich doch aussteigen lassen. Ich möchte sehen, was dort passiert.“
Cesares Miene blieb starr. „So schau Sie aus dem Fenster.“ Er legte die Hand auf den Türgriff.
„Wollte Er nicht auch helfen?“
Er nickte. „Das hat Sie vereitelt.“
Mirella schlug einen Moment wie beschämt die Augen nieder und senkte ihre Stimme. „Das tut mir leid.“ Sie blickte wieder auf. „Aber geh Er nur. Nehm Er Seinen Eimer und helfe. Mir wird schon nichts passieren.“
Er nahm tatsächlich seinen Eimer hoch; aber dann kra
Zurück zum Buch
|