Wahrscheinlich ein kaputter Gasherd
Guten Abend! Kommen Sie
herein, die Wohnungstür ist offen. Lassen Sie die Schuhe ruhig an. Folgen Sie
mir ins Arbeitszimmer, aber erschrecken Sie bloß nicht vor den Gedichten,
Notizen und Gedankensplittern, die hier überall kleben. Diese Zettel sind mein
Lebenswerk – dreißig Jahre Schriftstellerei sozusagen, als Fragment an den Wänden
verewigt.
Ja, dort steht der
Schreibtisch. Wie Sie sehen, arbeite ich gerade an einem Roman, meinem ersten.
Dieses Manuskript wird meinen Durchbruch bedeuten. Es wird ein Kunstwerk, was
die Dramatik, Handlung und Charakterzeichnung betrifft. Der Titel? Tja, es ist
die Geschichte eines Autisten, Titel habe ich noch keinen – um die Wahrheit zu
sagen, habe ich nicht einmal ein richtiges Konzept für die Geschichte. Aber
Ideen spuken genug in meinem Kopf herum, ich brauche sie nur noch zu Papier zu
bringen – nichts leichter als das.
Etwas vorlesen? Ja gern,
aber bis auf den ersten Satz ist der Papierblock noch leer, und selbst dabei
handelt es sich um ein Bruchstück, an dem ich bereits seit mehreren Wochen
arbeite. Ich weiß, was Sie jetzt denken, aber ein Künstler kann seine kreative
Phase nicht erzwingen. Kreativität kommt, wenn die Zeit dafür reif ist, bis
dahin muss man eben abwarten und sich in Geduld üben … aber bitte, kommen Sie
getrost einen Schritt näher und lesen Sie selbst. Nein, wo denken Sie hin! Ich
möchte mich da noch nicht festlegen, ob das Buch tatsächlich mit diesem Satz
beginnen wird: Als der autistische Maler
heute Morgen aus dem Fenster blickte, schien ihm, als wolle ihm das Leben etwas
mitteilen … Ich sagte ja, der Anfang ist bloß ein Fragment, er ist
noch nicht ausgegoren, dient lediglich als Gedankenstütze für das fabelhafte
Kapitel, das noch folgen wird.
Aber selbstverständlich,
öffnen Sie ruhig ein Fenster. Allerdings finde ich nicht, dass es hier muffig
riecht. Wie ich mich hier konzentrieren kann? Ich verstehe nicht … ja, Sie
haben natürlich Recht. Auf meinem Schreibtisch sieht es aus, als würde ich
bereits seit Monaten an fünf Erzählungen gleichzeitig arbeiten, und in der Tat
sind schon mehrere Monate vergangen, seit ich mich an das Pult gesetzt habe, um
mein Buch zu schreiben … oder war es bereits im letzten Sommer, als ich nach
meiner Lesung …? Ja richtig, es war im Juli letzten Jahres, bei meiner
Dichterlesung im Wiener Literaturhaus, bei der ich einige Gedichte aus meinem
Lyrikband vortrug. Die anwesenden Kritiker lobten meine Arbeit, die sie als
experimentelle Selbstverarbeitung bezeichneten, mit intertextuellen Bezügen und
spielerisch literarischen Ausdrucksmitteln. Einige wenige, die etwas von ihrem
Fach verstehen! Jedenfalls gab ich nach jener Lesung bekannt, dass ich mit der
Arbeit an einem neuen Projekt beginnen würde.
Stimmt, seit damals ist
über ein Jahr vergangen, ein mehr als deprimierender, ereignisloser Winter, um
genau zu sein. Aber unterschätzen Sie nicht die belebende Kraft einer
Künstlerpause. An diesem Morgen habe ich mir allerdings vorgenommen, mich
endlich mit dem nötigen Ernst in meine Aufgabe zu stürzen. Die vielen kleinen
Zettel, die hier überall kleben, sehen zwar chaotisch aus, doch ich bin gerade
mitten drin, meine Gedanken und Ideen zu ordnen. Irgendwo zwischen dem alten
Wurstsemmelpapier, den Medikamenten, Gläsern und leeren Flaschen muss sich ein
handgeschriebenes Exposé verstecken, auf dem ich vor Monaten einige Gedanken
festgehalten habe. Allerdings fürchte ich, dass selbst dort nicht viel mehr zu
finden ist, als dieser Satz, den Sie ja bereits kennen. Ich muss gestehen,
diese Unordnung ist mir unangenehm, und obwohl ich mir täglich vornehme, das
Zimmer aufzuräumen, habe ich mich bis heute nicht dazu aufraffen können. Es ist
kräfteraubend, aber das ständige Warten auf die Muse lässt mir kaum Zeit für
andere Aktivitäten.
Früher musste ich mir über
solche Dinge wie ein sauberes Schreibpult keine Gedanken machen, doch meine
Mutter, nun, wie soll ich sagen … kümmert sich schon lange nicht mehr um diese
Wohnung. Natürlich gibt es auch Putzfrauen, aber es ist erschreckend … die
kosten ein Vermögen, und im Moment könnte ich selbst einen kleinen
Nebenverdienst gut gebrauchen. Ach, kommen Sie! Das habe ich doch alles probiert.
Tantiemen gibt es keine mehr, meine Förderungsansuchen wurden abgelehnt,
sämtliche Beihilfen und Literaturstipendien gestrichen, und selbst meine
Sozialrente wurde letztes Jahr auf ein Minimum reduziert. Scheinbar ist es
wichtiger, Geld für andere Dinge zum Fenster hinauszuwerfen, als Kunst zu
fördern. Die Stadt Wien hat mir sogar das Wasser abgedreht! Aber keine Sorge,
ich komme schon über die Runden.
Möchten Sie übrigens etwas
trinken? In der Küche müsste noch eine Wasserflasche stehen. Nein? Nun, wie dem
auch sei, ich war schon lange nicht mehr im hinteren Teil der Wohnung. Vor der
Eingangstür steht sicherlich eine Flasche Rotwein. Ein Nachbarjunge hilft mir
manchmal dabei, die Wohnung zu verlassen, da mich in letzter Zeit
Schwindelanfälle plagen. Er stellt mir fast jede Woche eine neue Flasche vor
die Tür, die er heimlich aus dem Keller seines Großvaters … nun, wie soll ich
sagen … entlehnt? Später einmal werde ich selbstverständlich alles
zurückzahlen.
Wie meinen Sie das, ich
hätte mich in letzter Zeit verändert? Sie haben mich doch eben erst kennen
gelernt. Ach so, Sie meinen das Pressefoto aus jener Zeit, als ich noch
Lesungen hielt! Welcher Vollbart? Ich trage auch heute keinen Vollbart. Ich
habe mich wohl seit einigen Tagen nicht mehr rasiert, das ist alles. Ich bin
keineswegs blass. Nein, wie kommen Sie darauf? Also bitte, ich habe kein
Fieber! Es ist nur so, dass ich in diesem Sommer wegen der vielen Arbeit kaum
aus der Wohnung gekommen bin. Doch, einmal war ich mit Hilfe des Jungen
draußen, um den Müll rauszutragen.
Abgemagert? Das täuscht.
Der Pullover ist mir bloß einige Nummern zu groß, das ist alles … obwohl …
letztes Jahr hat er mir noch gepasst. Wahrscheinlich hat er sich im Lauf der
Zeit ausgeleiert; der müsste mal wieder heiß gewaschen werden, aber ohne Strom
… wohin gehen Sie!
Ach, da ist ja der Wein,
ein Côtes du Rhone. Wie das
klingt! Darüber könnte man doch glatt eine Geschichte verfassen. Vielen Dank.
Einen kleinen Schluck noch, danach werde ich mit meinem großen Roman beginnen …
nein, nicht beginnen, sondern ich werde ihn fortsetzen.
Jawohl! Wenn ich es mir recht überlege, ist dieser erste Satz doch nicht so
schlecht … er ist gewissermaßen ausbaufähig. So etwas erkenne ich auf den
ersten Blick! Warum sehen Sie mich so nachdenklich an? Conrad Ferdinand Meyer
schrieb sein Gedicht vom Römischen Brunnen innerhalb
von zwölf Jahren mehrmals um, und auch Hemingway feilte jahrelang an ein und
demselben Satz, bis er endlich damit zufrieden war. Das zeichnet eben ein
wahres Genie aus. Von Schriftstellern, die im Akkord ihre Manuskripte
runtertippen, halte ich nichts. Wie können die kreativ sein, wenn sie sich dazu
zwingen, pro Tag eine ganze Manuskriptseite zu schreiben? Wahre Kunst braucht
eben Zeit!
Kommen Sie doch näher, ich
zeige Ihnen etwas … hoppla. Vorsicht! Sie können die Pizzakartons ruhig unter
die Couch zu den anderen schieben. Hier, werfen Sie einen Blick auf Hemingways In einem anderen Land. Das Ende hat er
neununddreißigmal umgeschrieben. Stellen Sie sich das einmal vor? Neununddreißigmal!
Aber ja, legen Sie das Buch getrost auf die Untertassen dort drüben … schieben
Sie ruhig die Schachteln und Beipacktexte beiseite.
Wie meinen Sie das? Ich
verstehe nicht. Meyer starb an den Folgen seiner psychischen Krankheit, und
Hemingway hat sich erschossen! Na und? Wo sehen Sie da einen Zusammenhang?
Wollen Sie etwa behaupten, dass … aber ich bitte Sie! Fritsch, Mann, Zweig,
Burger, Kräftner, Raimund, Trakl, Stifter, Tucholsky und von Saar … ja, ja, sie
alle haben ihrem Leben ein Ende gesetzt … und wennschon! Aber sie waren
unvergleichliche Künstler der Lyrik und Prosa, oder etwa nicht? Hören Sie auf
damit! Ja, natürlich … es fällt auf, dass Selbstmord unter Dichtern relativ
häufig vorkommt. Wen wundert es, haben doch Schriftsteller bekanntlich eine
höhere Sensibilität als Menschen anderer Berufsgruppen. Vergleichen Sie doch
nur mal einen Dichter mit einem Kraftfahrer … eben! Damit meine ich: Das Leben
eines Schriftstellers ist ein einsames … glauben Sie mir, ich weiß das!
Vielleicht hatte Tucholsky das Gefühl, sich nicht mehr weiter entfalten zu
können. Und in seiner Ruhe und Abgeschiedenheit, in seiner Melancholie und
Traurigkeit … na ja! Vielleicht bedeutet
Schreiben auch, sich irgendwann umbringen zu müssen! Weshalb sehen
Sie mich so an? Aber ich bitte Sie … der Satz stammt nicht von mir, er ist
lediglich ein Zitat. Ja, bloß ein Zitat. Aber ich habe vergessen, von wem.
Entspannen Sie sich!
Weshalb fragen Sie mich
schon wieder, ob ich Fieber habe? Aber nein, mir geht es gut. Ich habe zuvor
bloß ein paar Tabletten gegen die ständigen Kopfschmerzen genommen, aber ich
glaube, sie beginnen erst jetzt zu wirken. Nein, Veronal ist nichts Starkes. Machen Sie sich keine Sorgen,
und vielen Dank, dass Sie mich besucht haben. Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse,
aber ich fürchte, Sie müssen mich jetzt verlassen … ich werde an meinem Roman
weiterarbeiten. Die Jalousien? Die lasse ich immer runter, wenn ich schreibe.
Die Dunkelheit inspiriert mich, wissen Sie! Die Weinflasche können Sie getrost
mitnehmen. Ich glaube nicht, dass ich noch etwas daraus trinken werde. Das hier
auf der Kommode? Ach ja, danke, dass Sie mich daran erinnern. Diesen Brief habe
ich vor einigen Monaten an meine Frau geschrieben. Sie wohnt schon lange nicht
mehr hier. Dürfte ich Sie bitten, ihn bei der Post für mich aufzugeben? Vielen
Dank.
Sie entschuldigen mich
jetzt bitte! Ich schließe nur noch die Fenster. Die frische Luft … oh,
verzeihen Sie bitte, dass ich gähne, aber ich werde plötzlich unheimlich müde.
Wohin ich gehe? Bloß in
die Küche, um ein wenig aufzuräumen. Ach, ich glaube, das bilden Sie sich ein.
Hier riecht es überhaupt nicht nach Gas. Der Geruch kommt wahrscheinlich aus
dem Treppenhaus. Wahrscheinlich ein kaputter Gasherd. Leben Sie wohl!
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