»Und welche Befugnisse haben wir?« Der Mann behielt sein
Gegenüber fest im Auge. Einige Sekunden lang schauten sie sich wortlos an. Nur
der Verkehrslärm drang in das Büro im achten Stockwerk, hoch überm Potsdamer
Platz, zu ihnen herauf. Durch die engmaschigen Vorhänge der Fensterfront
zeichnete sich das Sony-Center ab. Gegen die Scheiben peitschte Regen. Der
Angesprochene griff zu seinem Krawattenknoten und versuchte ein zaghaftes
Lächeln. Obwohl es kühl war, schwitzte er. »Befugnisse«, wiederholte er langsam.
»Ich denke, Ihnen ist die Tragweite dieses Auftrags bewusst.« Er lehnte sich
in dem wuchtigen weißen Ledersessel zurück und verschränkte die Arme. Der
Fragesteller, derjenseits des Glastischchens saß, hatte sich ebenfalls ein
Lächeln abgerungen. Auch ihm war heiß geworden. Am liebsten hätte er sein
Jackett ausgezogen und den Krawattenknoten gelöst. Doch das geziemte sich
nicht, solange der Gastgeber an der Kleiderordnung festhielt. Seit zwei Stunden
saßen sie in diesem Büro, dessen weiße Wände nur durch ein riesiges, buntes und
abstraktes Gemälde aufgelockert wurden. Sie hatten angestrengte Gespräche
geführt, sich konzentriert und gegenseitig respektiert.
Vor ihnen auf der Glasplatte lagen einige
Schnellhefter. Ihren Inhalt waren sie ausführlich durchgegangen, Punkt für
Punkt, hatten Notizen gemacht, Termine abgestimmt und Namen genannt. Die
schweren Kristallgläser waren leer, das Mineralwasser getrunken. Wieder trat
eine dieser peinlichen Pausen ein, wie so oft, wenn er, der an Jahren deutlich
jüngere Besucher, eine Antwort erwartete. Dann war nur das monotone Rauschen
der Klimaanlage zu hören, bis plötzlich vier Signaltöne eine SMS-Botschaft
ankündigten. Der Gastgeber zögerte einen Augenblick, griff dann aber in die
Innentasche seines Jacketts und holte ein silbern glitzerndes Handy heraus. Er
drückte einige Tasten und las mit versteinertem Gesicht, was auf dem Display
stand: »Ich brauch dich noch heute.« Der Mann verzog keine Miene, drückte die
Nachricht weg und steckte das Handy wieder ein.
Sein Gegenüber hatte die Szene wortlos
verfolgt, knüpfte dann aber an das vorausgegangene Gespräch an: »Sie dürfen
mir glauben, Herr Gangolf, dass ich mir der Tragweite bewusst bin.« Er zögerte.
»Gerade deshalb stellt sich mir die Frage nach den Befugnissen.«
Der Ältere schlug bedächtig die Beine
übereinander. »Lassen Sie es mich so formulieren«, begann er im Stil weltmännischer
Diplomatie, »wenn man im Sinne einer guten Sache handelt, braucht man bei
allem, was man tut, kein schlechtes Gewissen zu haben.«
Der Gast versuchte, die Nervosität zu
verbergen. »Und was gut ist …« Er sprach langsam und betont, »… was gut ist,
entscheiden Sie?«
Pause. Wieder diese Stille, das Rauschen der
klimatisierten Luft. Irgendwo hupte ein Auto.
»Gut ist, was uns allen dient«, erwiderte
Ministerialdirektor Harald Gangolf schließlich und bekräftigte: »Was uns und
der Allgemeinheit dient.« Er überlegte. »Viel zu lange ist dieses Land in
Lethargie erstarrt. Nun liegt es tatsächlich an Ihnen, eine Chance zu
ergreifen, die uns sozusagen der Himmel beschert. Und die es für uns beide kein
zweites Mal geben wird.«
Der Jüngere fühlte sich nun doch
geschmeichelt. »Ich werde mein Bestes geben. Aber ohne die vielen anderen bin
ich machtlos.« Gangolf nickte und wurde noch ernster: »Sie sollten aber eines
nicht vergessen, Herr Liebenstein – Sie haben zwar alle Rückendeckung dieser
Welt. Alle.« Der Mann legte seine Arme auf die ausladenden Sessellehnen und verzog
sein Gesicht zu einer drohenden Miene. »Sollte aber irgendetwas an die
Öffentlichkeit dringen, wird Sie nach außen hin niemand unterstützen. Ich
nicht, der Kanzler nicht, der Innenminister nicht und schon gar nicht der Justizminister
– und auch keiner der Funktionäre. Ich hoffe, wir haben uns verstanden.« Nach
kurzer Pause fügte er hinzu: »Egal, wer bis dahin hier an der Regierung ist.«
Tatsächlich deutete alles darauf hin, dass es nach dem Wahldebakel der
Rot-Grünen in Nordrhein-Westfalen vorletzten Sonntag eine unerwartet schnelle
Änderung in der politischen Landschaft geben würde.
Der junge Mann schluckte. Ihm
wurde plötzlich klar, was diese wenigen Worte bedeuteten: Man würde ihn intern
zwar schützen, doch wenn es notwendig sein sollte, musste er als Bauernopfer
herhalten. Alle anderen wollten sich die Hände in Unschuld waschen.
Durch den Stuttgarter Hauptbahnhof blies ein kalter Wind. Über
Nacht hatte es abgekühlt und geregnet. Vermutlich war die Schafskälte, wie sie
für Anfang Juni erwartet wird, bereits jetzt, am 30. Mai, ins Land gezogen. Von
den angrenzenden Bahnsteigen kroch die Kälte bis in die große Halle hinein. Es
war kurz nach ein Uhr und in dem Gebäude herrschte an diesem Montag die
alltägliche Hektik. Lautsprecherdurchsagen, gestresste Menschen mit
Aktenkoffern, Schüler und Reisende, die gelangweilt auf ihre Weiterfahrt
warteten.
Leonhard Lanski hatte hier sein Ziel erreicht.
Er war aus Dortmund gekommen, um sich um 13.30 Uhr mit seinen Gesprächspartnern
zu treffen. Den Stuttgarter Hauptbahnhof hatten sie gewählt, weil er von allen
Teilnehmern des Meetings am besten zu erreichen war. Die meisten hatten nicht
mal umsteigen müssen. Und nach der Veranstaltung konnten sie entweder sofort
wieder zurückfahren oder weiterreisen nach München, wo über zwei Tage hinweg
die Einweihung des neuen Fußballstadions stattfinden würde, das den Namen
Allianz-Arena erhalten sollte.
Lanski, der einen schwarzen Aktenkoffer in der
rechten Hand hielt, fröstelte, als er inmitten des Menschengedränges von den
Bahnsteigen in die quer verlaufende Halle eilte. Er blieb bei einer
Buchhandlung stehen, um sich zu orientieren. Doch dann sah er rechts drüben,
genau so, wie es ihm am Telefon beschrieben worden war, den Eingang zum
Intercity-Hotel.
Lanski ging entschlossenen Schrittes quer
durch die Halle, wich Menschengruppen aus und war in wenigen Minuten in der
ersten Etage des Bahnhofshotels. Hinweistafeln wiesen ihm den Weg zur
Veranstaltung ›Sport-Management‹. Sie fand im Konferenzraum mit dem Namen ›Ulm‹
statt.
Ein halbes Dutzend korrekt gekleideter junger
Männer stand diskutierend vor der offenen Tür, vier weitere hatten drinnen
bereits an den u-förmig angeordneten weißen Tischen Platz genommen. Lanski
nickte den Personen freundlich zu, sagte ›Hallo‹ und betrat den kleinen Konferenzsaal.
Dort sprang bei seinem Anblick einer der Männer auf und kam ihm entgegen.
»Willkommen in Stuttgart, Herr Lanski«,
lächelte der Endfünfziger.
»Ist mir doch ein außerordentliches Vergnügen,
Herr Beierlein«, erwiderte Lanski, der wohl nur wenig jünger war als sein
Gegenüber.
»Wir haben Tischkärtchen aufgestellt«, deutete
der Gastgeber auf einen der Plätze. Dann stellte er die vier anderen, deutlich
jüngeren Männer vor. Sie kamen aus Italien, der Schweiz, Österreich und Frankreich.
Lanski glaubte, einige der Namen schon einmal
gehört zu haben. Er setzte sich und schenkte sich Mineralwasser ein.
Zehn Minuten später waren auch die anderen,
die vor der Tür diskutiert hatten, in den Raum gekommen – und mit ihnen noch
zwei weitere Männer, die eher der Altersgruppe von Lanski und des Gastgebers
angehörten. Sie setzten sich zu ihm an die Querseite der Tischformation.
»Meine Herren«, erhob sich Stefan Beierlein,
»seien Sie noch einmal ganz herzlich hier in Stuttgart begrüßt und beglückwünscht,
dass Sie zu den 47 Auserwählten gehören. Dass Sie unserer Einladung gefolgt
sind, ist für uns ein Zeichen großer Wertschätzung.« Er lächelte und schaute in
die Runde. »Und es zeigt uns, dass wir alle dasselbe Ziel verfolgen. Ich
brauche nicht extra zu erwähnen, dass unser heutiges Treffen allergrößter
Diskretion unterliegt.« Noch einmal blickte er die Männer, die vor ihm saßen,
nacheinander an. Sie nickten ihm mit ernsten Gesichtern zu. »Um keine Zweifel
aufkommen zu lassen«, fuhr der Vorsitzende fort, »meine drei Kollegen und ich
werden im Ernstfall jederzeit behaupten, niemals mit Ihnen zusammen gewesen zu
sein.« Die Älteren an seiner Seite verzogen keine Miene.
»Was hier gesprochen wird«, erklärte Beierlein
weiter, »unterliegt absoluter Verschwiegenheit. Betrachten Sie es als ein
Staatsgeheimnis, wenn Sie so wollen. Sie wissen: Es hat seinen Grund, dass wir
von den 47 Auserwählten gerade Sie hierher gebeten haben. Sie sind Männer, die
durch energisches Auftreten bisher bewiesen haben, dass Sie in der Lage sind,
einer Herausforderung mit weit reichender Bedeutung gerecht zu werden. Einer
Bedeutung, die nationale Interessen berührt. Was wir heute also besprechen,
meine Herren, muss Gültigkeit haben und ist wie ein besiegelter Vertrag. Wir
werden selbstverständlich keinerlei Schriftstücke anfertigen, das werden Sie
verstehen. Aber was wir beschließen, gilt so fest und sicher, wie es Männer
seit jeher mit einem Handschlag besiegeln können.«
Einige der Zuhörer lächelten.
»Ich möchte für alle, die sie noch nicht
kennen, meine beiden Kollegen hier vorstellen«, fuhr er fort. »Links von mir,
das ist Herr Michael Rambusch. Er ist für das Finanzielle zuständig und gehört
unserem …« Beierlein suchte nach der passenden Bezeichnung. »… unserem Organisationsteam
schon seit über einem Jahr an. Seine Connections zu Sponsoren und
Interessenvertretern sind geradezu legendär.« Rambusch stand kurz auf und
lächelte.
»Ganz rechts außen, das ist Herr Leonhard
Lanski. Sein Name dürfte den meisten von Ihnen bekannt sein. Er ist sozusagen
der Mann aus der Praxis. Er weiß, wovon er spricht.«
»Zu meiner Rechten sitzt Harry Obermayer, der
Manager, der das Unmögliche möglich macht.« Er hielt kurz inne, als der
Genannte aufstand und sich verbeugte. »Herr Obermayer hat phänomenale
Beziehungen in politische Kreise. Es gibt kaum einen Politiker, ob in der
Regierung oder in der Opposition, den er nicht duzt. Diese Flexibilität ist
seit dem vorletzten Sonntag mehr denn je angebracht. Heutzutage bedarf es
persönlicher Kontakte, geschickter Strategien …« Er nickte, als wolle er sich
damit selbst bestätigen. »Ja, geschickter Strategien, meine Herren. Früher
haben wir über die südlichen Länder gelächelt, auch über Italien …« Er schaute
zu dem von dort angereisten schnauzbärtigen Kollegen. »Aber inzwischen, liebe
Kollegen, inzwischen ist Deutschland die größte Bananenrepublik weit und breit
geworden. Korruption, Bestechung, machtbesessene und geldgierige Politiker,
raffgierige Unternehmer. Gewerkschaften, die sich unterbuttern lassen. Glauben
Sie mir …« wieder legte er eine Pause ein, »… wenn Sie Einblick in die Politik
und in die Wirtschaft haben, wenn Sie sehen, mit welchen Mitteln gelogen,
betrogen, getrickst und bestochen wird, dann werden Sie merken, dass wir bei allem,
was wir zu arrangieren versuchen, geradezu Waisenknaben sind.«
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